Ansteckende Krankheit!


„Was hast Du bloß mit diesem Teletext-Fimmel?“, fragte mich neulich wieder einmal jemand.

Ja, es stimmt, ich brauche meine tägliche Dosis Teletext. Zum Glück erhöht sich der Bedarf nicht, so
dass nicht zu befürchten ist, dass der Gesetzgeber zuschlägt und den Teletext unter das Betäubungsmittelgesetz stellen wird.

Auch leide ich nicht unter der Illusion, vom Teletext informiert zu werden. Maximal informiert mich der Teletext darüber, dass ich mich anderweitig über eine Sache informieren sollte, weil ja immerhin schon hier darüber getextet wird.

Doch der wahre Grund für den Teletextkonsum ist der Unterhaltungswert. Wenn ich überlege, wieviel Eintrittsgelder für Entertainment-Darbietungen ich jeden Monat spare, weil ich kostengünstige Lachanfälle bei der Lektüre von Teletext-Comedy einfahre, wundere ich mich, dass Fernsehsender noch nicht auf die Idee des „Pay per Text“ gekommen sind. Und wieso die Berufsgruppe der Kabarettisten und Comedians hier noch keine gerichtlichen Schritte gegen die Sender eingeleitet hat wegen des unlauteren Abwerbens von Unterhaltungskunden, ist mir tatsächlich ein Rätsel.

Denn was ist schöner als der rhetorische Sondermüll, der hier in aller Eile zusammengeschustert und in die deutschen Wohnzimmer geblasen wird. Der Herr Sick bräuchte gar nicht seine Leserschaft zum Einsenden von Lustigkeiten aufzufordern, wenn er sich einfach nur konsequent vor den Fernseher setzte, um sprachliche Unsäglichkeiten abzufotografieren, oder er könnte es seinen Praktikanten erledigen lassen. Der Teletext wird ja offensichtlich auch von Praktikanten erledigt. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.

Letztes Jahr habe ich eine Email an die „Redaktion“ geschickt, die den Teletext von VOX verbricht. Daraufhin wurde dann endlich die Rubrik „Lonley Hearts“ in „Lonely Hearts“ umgetauft. Es kostete mich auch nur noch zwei weitere Mails, bis die Lonley-Sache auch in den Querverweisen geändert war. Bitteschön, gern geschehen – mein Bekanntenkreis und ich hatten ja schon ein paar Jahre darüber gelacht, und man muss wissen, wann es genug ist.

Übrigens sollte man gelegentlich das Gesundheitsamt in die Teletext-Redaktionen schicken. Hier grassiert nämlich eine hochansteckende Krankheit:

Das Zuckerlikör-Syndrom!

Da muss man jetzt gar nicht googeln, das Wort ist neu. Ich habe es erfunden. Und das kam so:

Es begab sich vor einer Zeit (ist schon ein paar Jahre her), da schaltete ich eines Montagmorgens den Teletext der ARD ein. Dort berichtete man mir, dass Körnerbrot oft Zuckerlikör enthalte.

Ich brüllte vor Lachen – die Vorstellung von Likör im Brot fand ich putzig, wusste ich doch war doch mein Informationsstand zum damaligen Zeitpunkt (siehe Aktualisierung unten), dass der Stoff aus dem die Medienträume sind „Zuckercouleur“ oder auch „Zuckerkulör“ heißt. Und ich fragte mich auch prompt, ob die Teletext-Praktikanten vielleicht beim Frühstück ein paar Mal zu oft in den Brotkorb gelangt hätten – na, denn Prost!

Dienstags, als ich den Teletext im ZDF schaute, informierte man mich darüber, dass Körnerbrot oft Zuckerlikör enthalte. Ich verprügelte vor Lachen die Sofakissen.

Mittwochs, als ich den Teletext bei SAT1 schaute, informierte man mich darüber, dass Körnerbrot oft Zuckerlikör enthalte. Die armen Sofakissen …

Donnerstags, als ich den Teletext bei RTL schaute, informierte man mich darüber, dass Körnerbrot oft Zuckerlikör enthalte. Die armen Sofakissen …

Freitags, als ich die restlichen Teletexte der anderen Privatsender ausspähte, informierte man mich darüber, dass Körnerbrot oft Zuckerlikör enthalte. Die armen Sofakissen …

——–

Aktualisierung 18.07.2008:

Interessant, wie lange die einzelnen Redaktionen brauchen, so eine Nachricht bei der ARD abzuschreiben, bzw. mit welcher Reihenfolge da durchgereicht wird. Und ist es nicht ein irrer Zufall, dass so viele verschiedene Schreiberlinge alle genau gleich formulieren?

Wie jemand namens martin, dem ich an dieser Stelle nochmals danken möchte, mich soeben in der Kommentarspalte von coffeandtv.de aufklärte, gibt es tatsächlich eine Substanz namens Zuckerlikör, die genau wie Zuckerkulör/Zuckercouleur u. a. in dunklen Broten verwendet wird.

Doof nur, dass die Schnuckels, die damals den Teletext verbrochen habe, nicht so gründlich waren, mitzuteilen, dass auf herkömmlichen deutschen Brotverpackungen aber oft Zuckerkulör/Zuckercouleur steht, und dieser Substanz ähnlich zu sein scheint – zumindest, was die Buchstaben angeht. Chemiker, korrigiert mich, wenn ich das falsch verstanden haben sollte.

Auch doof, dass ich nur auf wikipedia.de und in meinem normalen Lexikon (sowas aus Papier, werden die meisten nicht mehr kennen) nachgeschlagen habe, weil ich ja keine Journalistin bin und nur eine Person mit anderen Aufgaben im Leben, die meint, soviel Hintergrund reiche für eine Anekdote.

Genauso doof, dass trotzdem in der Medienwelt voneinander abgekupfert wird, als habe man die Tinte abgeschafft und gegen Kopieren/Einfügen ersetzt.

Richtig Scheiße ist, dass ich gut genug lesen/zugucken/hinhören kann, um es zu merken, auch wenn ich nicht allwissend bin und  manchmal keine Lust habe, hunderte von einer Suchmaschine gefundener Seiten durchzulesen, vor allem, wenn es um private Neugier geht, die mir ohnehin niemand bezahlt.

Aber was ich immer noch schön finde, ist das Wort Zuckerlikör-Syndrom. Ich werde es behalten, es ist ja ohnehin meins, weil ich es erfunden habe.

Und dass ich damals eine Woche lang einen prima Kreislauf hatte, weil ich mich täglich vor Lachen gekugelt habe, das bleibt immer noch schön.

Genau so wie die Tatsache, dass hier einige meiner Spezis auch Spaß hatten.

Denn ob ich mich mit dem Wort nun geirrt hatte oder nicht – dass im Teletext und anderswo abgeschrieben wird, stimmt trotzdem.

Und die Vorstellung von Likör im Brot bleibt auch lustig, das ist so wie mit dem von Pippi Langstrumpf gestemmten Pferd. Jeder weiß, dass es Quatsch ist, aber man lacht über das Bild.

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8 Antworten to “Ansteckende Krankheit!”

  1. Silencer Says:

    🙂

    Eine Frage hätte ich da noch…

    Wie bist Du zum Teletext gekommen?
    Teletext ist grottig langsam – ich habe mich schon immer gefragt wer und warum sich das jemand antut. Zwei Minuten warten um auf die nächste Seite zu springen – ist das nicht gruselig? Hat mich von Anfang an von der Nutzung abgehalten.
    Manchmal kriege ich trotzdem eine Dosis ab: mein Fernseher blendet oft spontan halbzerstörte Teletext-Schnipsel in das laufende Programm ein. Kann auch lustig sein.

  2. buchstaeblich Says:

    Aus Versehen! Der Fernseher war neu, die Fernbedienung auch: Falschen Knopf erwischt, gleich eine rhetorische Peinlichkeit erwischt, herzlich gelacht und angefixt war ich!

  3. Micha Says:

    Ha, endlich. Noch eine 😉 Ich freu mich. Muss mir sonst auch immer diverse Kommentare anhören, von wegen ich sei Videotext-süchtig. Ich wurde allerdings eher durch den Sport angefixt. Es gibt nix besseres als die 200er-Seiten in der ARD. Jawoll. Da kommt selbst das Orchideenmedium Internet nicht mit.

  4. buchstaeblich Says:

    Die 200er?! Au, ja! Mit Überschriften wie „Haie dümpeln im Sauerland“ haben sie mich gekriegt – vor allem, wenn ich dann feststellen durfte, dass es nicht um Tiere, sondern eine Irgendwas-Mannschaft ging …
    Gründen wir eine Selbsthilfegruppe, Micha?

  5. Anonym Says:

    Der Para-Journalismus des Internets faszieniert mich aufgrund seines Eigenantriebs. Stelle ich jedoch enttäuscht fest, dass er auf einem Irrtum beruht, widert mich diese Arroganz an.
    Also: Bevor man etwas kritisiert/sich über etwas lustig macht, sollte man sich seiner Sache ganz sicher sein. Sonst wird es sehr peinlich und eine deftige Entschuldigung ist fällig. Stattdessen vom Thema abzulenken ist feige.

  6. buchstaeblich Says:

    Richtig.
    Ich finde auch, dass wir in die Irre geführten Endverbraucher eine Entschuldigung verdient haben.
    Es kann nicht sein, dass man jeden Scheiß, den man im Internet oder im Teletext liest, aufwendig recherchieren muss, weil man ständig damit rechnen muss, halbgares Zeugs präentiert zu bekommen.

  7. zuqqa.schneqqche Says:

    echt ne tolle story 🙂
    sowas ähnliches ist uns neulich auch passiert: wit hatten mal wieder unseren spieleabend natürlich (wie immer) mit topstar cola von aldi…
    nach ein paar runden wackelturm und ein paar litern cola waren wir alle schon toll drauf…wir ham uns gefragt, ob die cola villeicht high macht und haben mal geguckt, was alles drin ist: naya…außer wasser und zucker natürlich noch zuckerkulör, weil wir aber alle schon nichtmehr ganz zurechnungsfähig waren wurde dann aus zuckerkulör zuckerlikör.. 😉
    das mussten wir natürlich gleich googeln, is aber interessant, wie viele leute sich da verlesen, obwohl eigentlich auf der normalen cola gar nicht „zuckerkulör“ steht, sondern „E 150d“… 🙂

    zum zuckerlikör-syndrom:
    ist wahrscheinlich immer so, dass die informationen einfach durchgereicht werden, aber das wirklich alle den gleichen fehler voneinander abgeschrieben haben ist schon „außergewöhnlich doof“ 🙂

  8. Nachgehakt Says:

    Auf „Zuckercouleur“ bin ich aufmerksam geworden, als ich den Begriff in meine eigene Koch-Datenbank eingegeben habe und die verschiedenen Klassifizierungen von E 150 über E 150a bis E 150d zufügte.

    Im Internet bemerkte ich auch die Schreibweise „Zuckerkulör“, die ich aber nicht in
    »„Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden“, Neunte, völlig neu bearbeite Auflage 1974«.
    und auch nicht in
    »CD-ROM Microsoft – LexiRom Edition 2000«
    finden konnte.
    Ebenso wenig fand ich den genannten Lexika den Begriff „Zuckerlikör“ – auch nicht als Volltextsuche.

    In »Meyers Enzyklopädie« gab es nur den Eintrag:
    „Zuckercouleur, svw. siehe Karamel.“ (Anm.: war noch alte Rechtschreibung)
    und im
    »Microsoft – LexiRom Edition 2000«
    fand sich ebenfalls nur der Begriff „Zuckercouleur“.

    Kurz vor Weihnachten kaufte ich mir die Jubiläumsausgabe »„Herings Lexikon der Küche“. International anerkanntes Nachschlagewerk für die moderne und klassische Küche mit eingelegter CD-Rom, 24. Auflage 2009« und soll der „Duden“ für die Küche sein.

    Nun suchte ich in dem besagten „Duden für die Küche“ das Stichwort „Zuckercouleur“ und fand nichts. Auch unter „Zuckerkulör“ fand ich keinen Entrag.

    „Das gibt es doch nicht“ sagte ich zu mir. „Ein Werk von 1020 Seiten und die kennen den Begriff nicht?“

    Also bemühte ich die Volltextsuche unter „Zuckercouleur“ und fand folgenden Eintrag:

    „Harvey – Englische Würzsauce, industriell hergestellt. Bestehend aus Sojasauce, Champignons, Meerrettich-, Knoblauch-, Estragon-, Malzessig, Sardellen, Nelken, Zuckercouleur.“

    Hier taucht also der Begriff „Zuckercouleur“ auf.

    Nun suchte ich unter „E 150“ und fand dies:

    „E 150 Zuckerlikör – Brauner Farbstoff. 150 a: Durch Erhitzen von Zucker mit Säuren oder Laugen erzeugt. 150 b: Aus Sulfitablaugen synthetisch erzeugt. 150 c Ammoniak-Zuckerlikör: Aus Ammoniumsulfit erzeugt.

    Nun war ich total verwirrt! „Zuckercouleur“ und „Zuckerkulör“ hätte ich mir ja noch gefallen lassen. Aber „Zuckerlikör“? Was ist nun richtig? Und was ist was?

    Also googelte ich und wollte „Zuckerlikör“ ‚kaufen’ – und fand nichts! Rezepte und Produkte die „Zuckerlikör“ enthielten gab’s massenweise – aber keinen Artikel „Zuckerlikör“.

    Ebenso ergebnislos verlief die Bilder-Suche mit Google. Nur Produkte, die „Zuckerlikör“ enthielten wurden mir präsentiert – aber nicht das Produkt selbst.

    Der Artikel „Zuckercouleur“ wurde angeboten und die Flaschen auch teilweise abgebildet mit entsprechender Aufschrift.

    Unter „E 150“ gegoogelt erscheint „Zuckercouleur“!

    Wie ist das zu erklären?

    Noch einmal zurück zum „Herings Lexikon der Küche“.
    „Das Küchenlexikon trägt den Namen von Richard Hering (1873-1936), der als Küchendirektor im Wiener Hotel Bristol und ab den Goldenen Zwanzigern im Hotel Metropol tätig war.“ Die erste Auflage erschien 1937!

    Wenn also in dem „International anerkanntem Nachschlagewerk für die moderne und klassische Küche“ der Begriff „Zuckerlikör“ auftaucht, ist es nicht verwunderlich, das alle Welt diesen Begriff übernimmt.

    „Zuckercouleur“, „Zuckerkulör“ und „Zuckerlikör“ scheinen ein und dasselbe zu sein wie es die Nummer „E 150“ (a-d) beweist.

    Ich vermute, „Zuckerlikör“ ist ein österreichischer Ausdruck, da in deutscher Literatur darüber nichts zu finden ist (s. o.).

    Interessierte könnten ja in einer Bibliothek mal in den verschiedenen Auflagen des „Herings Lexikons“ recherchieren (wenn vorhanden), wann der Begriff „Zuckerlikör“ das erste Mal auftaucht.

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