Balkonisch


Man hört immer wieder mit kritischem Unterton, dass Paare, die lange zusammenleben, nicht mehr viel miteinander reden.

Ja, und? Wenn man lange genug zusammen ist, dann braucht man nicht mehr viele Worte, um *alles* zu sagen:

Gatte (deutet hinunter in den Garten): „Der Busch hat seine Blüten verloren!“

Ich: „Ist halt so bei Rhododendron.“ (Ich weiß, dass er sich keine Pflanzennamen merken kann, also souffliere ich gern)

Gatte: „Ach, die blühen nicht den ganzen Sommer?“

Ich (nach einer raschen Erklärung suchend): „Ostpark!“

Gatte: „Ach so! Aber wie gut, dass uns keiner zuhört, ne?“

Um diesen Gesprächsverlauf für den Rest der Welt verständlich zu machen, musss man nämlich erst erklären, dass wir früher in der Nähe eines Parks namens Ostpark gewohnt haben, wo wir insbesondere zur Rhododendronblüte sehr oft spazieren gingen, weil sich dort die reinsten Blütengebirge auftürmten. Und dass auch die unglaubliche Blütenmasse nicht dazu geführt hat, dass Gatte sich das Wort für die Pflanze gemerkt hätte.

Aber sage ich zu ihm „Ostpark„, weiß er sofort, wovon ich spreche, weil er sich dort jedes Jahr gewundert hat, wenn nach der Rhododendronblüte die Blüten verschwunden waren: Ist doch ganz einfach, oder?

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11 Antworten to “Balkonisch”

  1. Schildmaid Says:

    Nur weil Aussenstehende die intra-paar-spezifische Metakommunikation nicht verstehen, heisst das doch noch lange nicht, dass sich Langzeitbeziehungspartner nichts mehr zu sagen haben! Es sei denn, sie haben sich wirklich nichts mehr zu sagen, aber das hört sich dann anders an. 😉

    Schau dir doch mal z.B. die Rhododendren Büsche an: Da verabreden sie sich konspirativ zum kollektiven Blütenselbstmord und nur, weil wir sie nicht hören können, meinen wir, dass Pflanzen sich nichts zu sagen haben, oder gar nicht sprechen können. Die Arroganz und Ignoranz der Menschen stinkt manchmal echt zum Himmel. Also, wenn ich ein Rhododendron Gebüsch wäre, dann würde ich jetzt aus lauter Verzweiflung über die Menschheit auch meine Blüten abwerfen!

  2. buchstaeblich Says:

    Du hast so Recht!

    Übrigens rief mein heute reisender Holder vorhin von der Raststätte aus an: Das Navi seines Mietwagens sei scheiße, es sei so leise.
    „Äh, Lautstärkeregler?“ …. Friemelgeräusche, dann eine laut befehlende Navischlampe … ein zufriedenes Gattengrunzen.

    „Wenn Du mich schon nicht dabei hast, dann wenigstens in Vertretung eine andere Frauenstimme, die dich laut und deutlich herumschickt, ja?“

    Manche Sätze muss man eben im Ganzen aussprechen.

    Eine Schande finde ich, dass es immer noch keine Rhododendron-Seelsorge im Telefonbuch gibt, nicht mal Selbsthilfegruppen können sie so gründen.

  3. mistershrink Says:

    auch immer schön sind die impliziten imperative:

    „hmm, es hat keine milch mehr!“
    übersetzt: geh milch holen!

    „man sollte mal wieder den rasen mähen.“
    übersetzt: mäh den rasen!

    „ich werde dann heute abend das fahrrad nehmen, ok?“
    übersetzt: das fahrradlicht ist immer noch kaputt. flick es!

    herrlich.

  4. Schildmaid Says:

    Und telephonieren können sie auch nicht. Dabei liegen doch massenhaft Mobiltelephone unter den Gebüschen herum. Gemeinerweise mit leerem Akku und leerer prepaid Karte. Sauerei, sowas!

  5. buchstaeblich Says:

    Eine Rhododendron-Seelsorge würde wenigstens den guten Willen signalisieren. Da könnte sich doch eigentlich mal ein Promi mit einem Charity-Projekt dran wagen. Und für den Fall, dass eines Tages doch ein Rhododendron telefonieren könnte und Kummer hätte, wäre dann wenigstens schon einmal vorgesorgt!

  6. Silencer Says:

    “hmm, es hat keine milch mehr!”
    ist eine lustige Mundart. Wird HIER so nicht verwendet und erinnert mich spontan an

    „Es legt die Lotion in den Korb!“

  7. buchstaeblich Says:

    (wischt die Lachtränen von der Tastatur)

  8. mistershrink Says:

    hach, die mundart. eingeschweizert, sozusagen ;o)

  9. buchstaeblich Says:

    Wenn eine Pointe dabei herausschaut, freuen wir uns doch über jeden Dialekt!

  10. Ulf Runge Says:

    Nicht nur alte Ehepaare sind zu verkürzten Dialogen fähig.
    Regelmäßig höre ich montags die mitfühlende Frage
    (statt „Wie war das Wochenende?“, „Geht es Dir gut?“, „Alles okay bei Dir?“)

    „Falsche Zahlen?“

    Und dann nicke ich.

    Und warte auf Samstag…

    LG, Ulf

  11. buchstaeblich Says:

    Ulf,
    ich würde es genau so machen wie Du: Bloß nichts zugeben – sonst kommen die Bettelbriefe!

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