Max Goldt: Ein Wörter-Midas


Alles, was er anfasst, wird zu Goldt, dachte ich beim Lesen dieses gelben Buches namens Zimbo.

Denn jeglichem Gegenstand, jeglichem Ereignis, dessen sich Max Goldt in diesem Buch annimmt, drückt er mit seinem Erzählstil einen komplett eigenen Stempel auf.

„Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird“ lautet der Untertitel, der mich beim Bücherdealer veranlasste, Zimbo in die Hand zu nehmen und hineinzuschauen. Mit Unterträglichkeiten habe ich es ja, mäkele ich doch so gern. In die Geschichten über die Altkommunisten hineingeplatzt, die man am Löchlein im Revers erkennt, konnte ich nicht anders, als kichernd zur Kasse zu gehen.

Hätte mich gestern Mittag jemand gefragt, welcher Satz in diesem Buch voller Beobachtungen, Erlebnisse, Szenen und Sich-Gedanken-machen denn der schönste sei, hätte ich gesagt: Alle! Denn ich war überwältigt von diesem virtuosen Umgang mit Sprache. Die Art und Weise, wie der Autor Szenen wie die mit der ältlichen Diseuse oder die Beobachtung der schwulen Tic-Tac-Teiler beschreibt, ließ in mir die Idee aufkommen, Herr Goldt sei ein rhetorischer Kameramann: Die Filmchen, die er mir mit seinen Sätzen in den Kopf zauberte, schickte ich justament nach Cannes, so dies denn realisierbar wäre.

Heute Morgen öffnete ich herzensfroh das Buch, um die zweite Hälfte auf mich wirken zu lassen, sehr verwundert, endlich einmal ein Buch in der Hand, über das ich mich kein bisschen aufregen muss – das hatte es schließlich noch nie gegeben.

Dann kam Seite 102: „den Taschenhenkel quer über den Oberkörper zu legen.“. Ein schwerer Seufzer folgte, steht dieser Satz doch in einer Geschichte über die mutmaßliche Geschichte der Umhängetasche.
Umhängetaschen hängen diagonal über Oberkörpern, wie Herr Goldt wenig später selbst schreibt, um ein Stück weiter aber wieder das Wort quer zu benutzen. Quer unterscheidet sich von diagonal bekanntlich in Form von genau doppelt soviel Grad, nämlich 90 statt 45. Das ist erheblich.

Welche Körperhaltung müsste man annehmen, damit die Umhängetasche henkeltechnisch quer über dem Oberkörper hinge? So von linker soundsovielter Rippe zu rechter soundsovielter Rippe oder von Achselbusch zu Achselbusch?

Herr Goldt, das regt mich auf. Da muss ich jetzt persönlich werden.
Ich quäle mich jetzt nämlich mit dem folgenden, schwer erträglichen Problem:
Haben Sie den Begriff quer zweimal in voller Absicht verwendet, und bin ich bloß zu doof, den Grund für den künstlerischen Kniff zu durchschauen?

Oder ist es vielmehr so, dass sich da ein Lapsus eingeschlichen hat, der bei der Korrektur durchgerutscht ist, so wie es mir manchmal passiert, wenn ich mit heißen Backen einen Blogartikel überarbeiten muss, weil ich einen beim Vor-mich-hin-schreiben entstandenen Fehlgriff in meine persönliche Wörterkartei getan und dies erst nach dem Veröffentlichen bemerkt habe und fluchen Sie, dass das da nun so steht, aber Papier hat ja nun einmal keine Autokorrektur?

Sehen Sie, Herr Goldt, das ist ein Konflikt. Und Konflikte regen mich auf. Am besten werde ich die Geschichte der mutmaßlichen Geschichte der Umhängetasche in den nächsten Tagen so oft lesen, bis ich sie auswendig kann. Zum Glück ist sie von so schöner rhetorischer Gestalt, dass das kein Missvergnügen sein wird.

Seien Sie froh! Sie wären nicht der erste Autor, dessen Werk ich wütend ins Altpapier entsorge – doch, ich kann Verriss in physisch. Aber nicht Zimbo! Zimbo bekommt einen Ehrenplatz im Bücherschrank und im Reisegepäck und neben meiner Badewanne.

Alle nachfolgenden Sätze waren dann wieder ausnahmslos und (für mich als Leserin) konfliktfrei schön.

Feine Goldt-Zitate, nicht aus Zimbo, zum Anfixen.

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10 Antworten to “Max Goldt: Ein Wörter-Midas”

  1. gertjeedelmann Says:

    wunderbar goldtwürdig!
    Ich gebe zu, ich gehe einmal jährlich zu seiner Lesung. Das ist geradezu ein Ritual. Es ist zwar unmöglich, soviel Sprachakrobatik in sich aufzunehmen, aber beim Lesen muss ich einfach zu oft zu herzlich und zu sehr zu Tränen gerührt lachen, was mir das Weiterlesen oft vereitelt. Deswegen lese ich seine Bücher auch nicht mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln. Nicht das es mich stören würde, wenn meine Mitmenschen mich verwundert begaffen, wenn ich scheinbar unvermittelt loslache, und zwar laut, vielmehr sind mir die Hilfsangebote mancher Mitfahrer, wenn mir die Tränen übers Gesicht kullern, zu peinlich. Versuchen sie mal, unter einem Tränen erzeugenden Lachkrampf leidend ihren Mitmenschen zu erklären, dass Sie völlig in Ordnung sind und es Ihnen im Gegenteil übermäßig gut geht.

  2. Himmelhoch Says:

    Die einzige Möglichkeit, einen Umhängetaschenhenkel quer zu tragen, sehe ich im Laufen auf den Händen mit geradeaus gestreckten Beinen – eine Übung, wie sie der Turner Hambüchen durchaus beherrschen sollte. – Die anderen entscheiden sich wohl weiterhin für diagonal.

  3. carluv Says:

    Als Handtaschenabstinenzler kann ich die Frage nur aus der Ferne bzw. Höhe des Handtaschenabstinenzlerelfenbeinturms betrachten, aber:
    Liegt nicht der Teil des Handtaschengurts, der sich am Hals der Trägerin befindet, immer und automatisch quer zum Oberkörper, von der Seite, oder von oben gesehen?
    Und hängt es nicht auch von der Form des Oberkörpers ab? Hat nicht mancher Oberkörper eine Oberkörperform, die Zuweisungen wie „längs“ oder „quer“ einfach nur noch als verquer erscheinen lassen?
    Ebenfalls ratlos, aber immer zum Kauf jeden Goldtstücks ratend,
    Carl.

    • buchstaeblich Says:

      Nicht Handtasche – Umhängetasche.
      Handtaschen habe ich auch nicht, trotz XX-Chromosom. Bei Aprilwetter zum Kunden mit Laptop und Klappschirm und Unterlagen kommt man schlecht gänzlich ohne Tasche. Diagonal über die Schulter gehängt, hat man dann die Hände frei.

  4. joulupukki Says:

    Frau Buchstäblich, so querköpfig? Jetzt itüpfeln sie aber ganz schön!
    Dank des Mannes und seiner Uraltlektüre „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“, die mir unlängst in die Hände gespielt wurde und viele schöne Lesestunden bereitete, darf Max Goldt bei mir alles. Auch verqueren, wenn er diagonalen möchte. Ist drin.
    Außerdem heißt quer bei uns auch nicht mehr, als von einer Seite zur anderen, von Winkel keine Rede. Aber gut, wir hamsja nich so mim Deutschen.

    • buchstaeblich Says:

      Ich liebe doch auch diesen Satz von Herrn Goldt. Ich wüsste bloß so gern, welche von mir geratene Version richtig ist. Wenn ich meine Neugier auf die Geduldseite schieben muss, werde ich immer ganz quengelig.

  5. nömix Says:

    Tatsächlich kann einem ein einziger schlechter Satz einen ganzen Roman verleiden, einen ganzen Schriftsteller sogar.
    (Mir mit John Irving so ergangen, den ich vorher sehr schätzte. Dann las ich am Beginn von „Garp“ einen derart misslungenen Vergleich, dass ich das Buch zugeklappt und seither keine Zeile von Irving mehr gelesen habe. Etwas mit einer Weintraube, die von einem darauffallenden Baum zerquetscht wird – warum zum Kuckuck sollte ein Baum auf eine Weintraube fallen? Hätte Herr Irving die Weintraube statt unter einem Baum etwa unter einer Obstschüssel zerquetscht, hätte ich weitergelesen.)
    Max Goldt ist freilich großartig, habe ihn vor fünfundzwanzig (sic) Jahren in Wien bei einer Lesung gehört und erinnere mich noch heute dran.

  6. Jeeves Says:

    Ob quer, diagonal oder schräg, ist mir wurtscht (egal, einerlei). Ich hatte verstanden, was er mitteilen wollte. Man kennt doch solche Umhängetaschen. Na also. Bitte.
    .
    Allerdings hat Max Goldt in der von ihm verantworteten Ausgabe 57 des Literaturmagazins DER RABE (Der Verweigerungs-Rabe, 1999, Haffmans Verlag) einige tatsächliche Fehler zu verantworten (nun ja, er ist noch -relativ- jung, es sei ihm verzieh’n):
    Der Titel, den Lambert, Hendricks and Ross singen, heißt „Twisted“ und nicht „Just a litle bit of twist“, und:
    Eddie Langs Titel aus dem Jahr 1927 heißt „Eddie’s Twister“, aber nicht „Eddie’s Twist“. Beides im „Raben“ auf Seite 213.
    Aus dem „Hucklebuck“ wird im RABEN „Huckabuck“ (Seite 208) und aus „Hank Ballard and The Midnighters“ wird ein „Hank Ballard and The Midnight Runners“ (2 x auf Seite 209). Ich sag ja, der Mann ist noch jung.
    .
    Aber wie trefflich er im gleichen Buch die unsägliche Alida Gundlach (o.s.ä.) beschreibt, ist göttlich. Göttlich? Wirklich? Ja: göttlich!
    .

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