Türkei: Der Penis macht die Wahrheit!


Nein, liebe Leser, hier geht es einmal nicht um seltsame Auswüchse von Esodingsbums, und es gibt (zumindest meines Wissens) in der Türkei keinen neuen Guru der gegen eine geringe Schutzgebühr mittels Auspendelns mit Hilfe seines Geschlechtsteiles Dokumente auf ihren Wahrheitsgehalt prüft.

Nein, es geht darum, dass die Türkei, oder besser deren oberstes Berufungsgericht, wieder einmal dafür sorgt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Aufnahme der Türkei in die EU sinkt, damit man auch in Zukunft etwas zu janken hat in Richtung „die Bösen in der EU, die wollen uns einfach nicht mitspielen lassen!“

So schreibt das ZDF:

Weil seine Frau nicht die Wahrheit über ihre Jungfräulichkeit gesagt haben soll, darf ein Türke seine Ehe auflösen. Das entschied das oberste Berufungsgericht des Landes. Ein Gutachten, wonach die Frau doch Jungfrau war, überzeugte die Richter nicht.

Wie die Zeitung „Vatan“ am Montag meldete, gab die zweite Kammer des Gerichts dem Mann recht. Er hatte geklagt, weil seine Frau bei der Hochzeit keine Jungfrau mehr gewesen sein soll, obwohl sie dies angegeben hatte. Der Fall geht jetzt zurück an ein untergeordnetes Gericht, das den Antrag des Mannes abgewiesen hatte.

Die Richter stützten ihre Entscheidung auf das türkische Zivilrecht: Demnach kann die Ehe dann rückgängig gemacht werden, wenn ein Partner den anderen in einem wichtigen Punkt täuscht.

Richter glauben Mann mehr als Gutachten

Laut „Vatan“ ist das Berufungsurteil bemerkenswert: Denn in dem vorliegenden Fall habe die Frau mit einem medizinischen Gutachten nachgewiesen, dass sie sehr wohl – anders als von ihrem Mann behauptet – noch Jungfrau war. Für eine Mehrheit von fünf zu drei Richtern wog dies laut dem Zeitungsbericht aber weniger schwer als die von dem Mann vorgebrachten Argumente.

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Sagte ich anfangs, es ginge hier nicht um Esodingsbums? Vielleicht habe ich mich geirrt. Denn wie anders soll man es erklären, wenn ein Gericht ein medizinisches Gutachten nicht anerkennt, weil eine Frau es einreicht, hingegen aber dem klagenden Noch-Gatten sehr wohl glaubt, wenn er einfach nur mault, seine Frau habe aber kein Hymen gehabt, das er doch so gerne selbst durchstoßen hätte.
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Die Methode:
Egal, was jemand behauptet, es wird geglaubt, wenn ein Schniepel am Selbigen hängt. Es wird also doch mit dem Geschlechtsteil ausgependelt, ob ein Dokument die Wahrheit enthält.
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Das zur Sache selbst.

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Der Skandal als solcher ist aber m. E., dass im 21. Jahrhundert ein Land, welches obendrein der Europäischen Union beizutreten wünscht,  als Voraussetzung für die Gültigkeit einer Ehe ein Hymen befiehlt und damit Frauen zwingt, entweder sich in die sexuelle Selbstbestimmung hineinregieren zu lassen, oder einen Batzen Geld in eine Klinik zu tragen, damit dort vor der Eheschließung noch rasch wieder eines eingetackert werden kann.

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Ein Skandal ist aber auch, dass Männer dermaßen verpeilte Weicheier sein können, dass Sie einem Fitzelchen Haut in einem weiblichen Unterleib, welches beim Rennen oder Radfahren ohnehin jederzeit reißen kann, dermaßen viel überhaupt eine Bedeutung zumessen.

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Natürlich wissen wir alle nicht, was in dieser Hochzeitsnacht in der Türkei vorgefallen ist – keiner von uns hat unterm Bett gelegen und zugehört.

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Mögliche Szenarien:
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Der Mann, von Papa mit sanftem Druck in die Ehe geschubst, hat festgestellt, dass er die Frau nicht liebt und nicht mit ihr leben will. Dann wäre er ein ziemliches Arschloch, diese Lösung zu wählen.

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Der Mann ist eigentlich homosexuell, wollte seinem Papa beweisen, dass er sehr wohl „ein echter Kerl“, also hetero ist, und „guten Willen zur Ehe“ bewiesen hat, aber „er kann ja nichts dafür, weil seine Frau ja bla, bla … Dann wäre er ein ziemliches Arschloch, diese Lösung zu wählen.
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Die Frau, die wirklich keine Lust auf diesen Mann hatte, hatte statt vorehelichem Geschlechtsverkehr einen vorehelichen Kampfsportkurs, und gesagt: „Pass‘ auf, du Fraggle, es war schlimm genug, dass meine Eltern mich gezwungen haben, dich zu heiraten, aber wenn du mich gegen meinen Willen anfasst, reiße ich dir die Eier ab!“. Dann wäre er ein ziemliches Arschloch, diese Lösung zu wählen.

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Vielleicht hat die Frau ihn aber auch tatsächlich geliebt, aber der Mann wollte sie einfach nach einmaliger Benutzung loswerden, um bei der nächsten Hochzeit noch ein Hymen durchballern zu können. Dann wäre er ein ziemliches Arschloch, diese Lösung zu wählen.

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Oder er hat schlicht in der Hochzeitsnacht seinen kleinen Mehmet nicht stramm bekommen, und sie hat den Fehler gemacht, grinsen zu müssen. Dann wäre er ein ziemliches Arschloch, diese Lösung zu wählen.

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Ach, es fallen einem unzählige Möglichkeiten ein. Aber egal, welche Lösung der Wahrheit nahe kommt, man wird sie nicht mittels Geschlechtsteilpendelei ermitteln können.

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Nur, dass ein Land, in dem solche Prozesse mit solchen Methoden und obendrein solchen Begründungen so ausgehen können, nicht in die EU gehört, das finde ich dann aber schon.

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17 Antworten to “Türkei: Der Penis macht die Wahrheit!”

  1. verhaltensoriginell Says:

    Schlimm genug, dass eine Frau sich ihr Jungfräulichkeit vor Der Ehe per Gutachten bescheinigen lassen (boah, welche Demütigung!). Aber das so ein Macho von Mann dann auch noch… boah ich lasse es besser!
    Aber:

    Türkei->Eu? NIEMALS!!!

  2. Ansku Says:

    Ein wahres Wort gelassen ausgesprochen… Ich versuche mir ja immer noch einzureden, die EU wäre MEHR noch als eine Wirtschaftsgemeindschaft eine Gemeindschaft von gleichen Werten und gleichen Lebensvorstellungen. Das sei mal so dahingestellt, da würde man ein anderes Faß aufmachen, aber mal angenommen, das ist tatsächlich so, wie es in diesen ganzen Verträgen steht, dann kann ich diese ganze ewige Türkei-Diskussion wirklich nicht verstehen. Zumal wenn ich Artikel wie Deinen lese.

    (Eine absolut wunderbare, liebe Arbeitskollegin von mir ist Türkin wenn auch größtenteils in Dtld. aufgewachsen, ich lerne gerade Türkisch, ich mag die Türkei, wirklich! Aber in der EU? Aus welchem Grund??)

    • Frank J. Says:

      Die Türkei sollte gerade aufgrund solcher Vorkommnisse näher an die EU gezogen werden. Je mehr Einfluss aus den mitteleuropäischen Ländern auf die Menschen in der Türkei genommen wird, um so mehr wird sich östlich von Istanbul verändern.

      Dass dieser Einzelfall völlig inakzeptabel ist, steht ausser Frage. Dass Rechtsprechung das aber auch in EU-Ländern auch immer mal wieder ist, ebenso.

      Was fehlt (und ich habe diesbezüglich nichts gefunden): Wie ist das Verfahren ausgegangen? Die Meldung ist sicherlich ein wenig reisserisch (darf man das bei dem vorliegenden Sachverhalt schreiben?) — doch eine saubere Aufarbeitung fehlt bisher. Statt dessen bringt das ZDF ein Bild mit Kopftuch tragenden Frauen.

      -Frank

      PS. Ich bin gerade einige Zeit durch die Türkei gereist. Mein Eindruck ist, dass dieser Fall auch von vielen Türken nicht gut geheissen werden dürfte.

  3. Dr. No Says:

    Ja, ein wirklich widerwärtiger Vorgang, bei dem man sich nur noch an den Kopf fassen kann. Und dass der Mann ein Arschloch ist, steht außer Frage. Aber bevor jetzt wieder der große Kulturkampf „Europäer gegen Türken“ geführt wird: Das hier oder auch das hier ist meines Erachtens auch nicht viel besser, und das geschah nicht in ungeliebten beitrittswilligen Ländern, sondern in Gründungsmitgliederstaaten der EU.

  4. buchstaeblich Says:

    Das ist wahrlich nicht besser. Und ich will auch gewiss keinen Kulturkampf Europäer gegen Türken anzetteln. Für mein Teil sind diese weder geliebt noch ungeliebt.
    Zumal „die Türken“ erstens nicht existieren, weil sie genau so unterschiedlich sind wie „die Deutschen“, zweitens nicht identisch sind mit ihrer Regierung oder ihrem obersten Berufungsgericht.

    Aber dass auch innerhalb der EU Beklopptheiten und Unsäglichkeiten unterwegs sind, heißt ja nicht, dass man die Menge an Fraglichkeiten unbedingt vergrößern sollte.

    Für mich ist übrigens nicht nur der Scheidungswillige ein Arschloch, sondern die Umstände, die solche Prozesse mit solcher Begründung und solchem Urteil möglich machen.

    Da ich demselben Geschlecht angehöre wie die Abgeurteilte, bin ich aber ohnehin nicht sehr objektiv bei diesem Thema.

  5. rolandschwarzer Says:

    Da ich demselben Geschlecht angehöre wie die Abgeurteilte, bin ich aber ohnehin nicht sehr objektiv bei diesem Thema.

    Nun ich gehöre nicht zum gleichen Geschlecht wie die Abgeurteilte, weshalb ich ganz objektiv sagen kann: Der Typ ist ein Arschloch. Und ein dummes noch dazu.:mrgreen:
    Ich hatte mir ja schon mal Gedanken über die quasi religiöse Verehrung der Jungfernschaft gemacht, aber mittlerweile denke ich, daß eine Menge Männer einfach nur Idioten sind.
    Vielleicht sollte den Jungs ja mal einer mitteilen, daß Frauen durch Sex nicht „abgenutzt“ werden. Sondern eigentlich sogar eher das Gegenteil der Fall ist, schließlich besteht die Vagina in der Hauptsache aus Muskeln, und die wollen schließlich trainiert werden. Gelle?😉

  6. buchstaeblich Says:

    Herr Schwarzer,
    Ihr Artikel ist heute immer noch so treffend und aussagekräftig wie seinerzeit.
    Schön, dass Sie noch einmal daran erinnert haben!

  7. quadratmeter Says:

    Was heisst Fraggle wohl auf türkisch?

  8. Doktor Peh Says:

    Also so als Mann haette ich mir die Bloesse nicht gegeben. Denn man kann ja auch durch die Unverletzlichkeit des Hymens auf gewisse physische Groessen des benutzten Anhaengsels schliessen, oder? Beweise auf den Tisch, auch wenn die Beweislage sehr duenn ist…

  9. buchstaeblich Says:

    (schleppt das Mikroskop herbei)
    Jawoll! Butter bei die Fische!

  10. Frankie Says:

    Und was heißt Fraggle auf Deutsch?

  11. buchstaeblich Says:

    Frankie,
    Sie müssen nur siki sarkık auf Deutsch übersetzen, und schwupp!

  12. Schaps Says:

    Und wo ist jetzt das Problem? Ist doch alles rechtens! Versteh ich nicht…🙂

  13. Keinen Respekt: Oberstes Berufungsgericht der Türkei « Radbodo am Hoog Says:

    […] Respekt: Oberstes Berufungsgericht der Türkei Tja, die Türkei und ihr Gerechtigkeitsverständnis… Die Ehefrau sagt, sie sei noch Jungfrau – der Mann will sich dennoch scheiden lassen, da er […]

  14. Keinen Respekt: Oberstes Berufungsgericht der Türkei | Philosophical Rita Says:

    […] Tja, die Türkei und ihr Gerechtigkeitsverständnis… […]

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