Feringasee: (K)ein Wintermärchen


Eigentlich sollte dieses Blogprojekt mit einem interessanten Interview beginnen. Aber wenn man aus zu verschweigenden Gründen vom Bürgermeister höchstpersönlich und ganz konspirativ für einen bestimmten Zeitraum um Diskretion gebeten wird, dann muss das eben so sein.

Weil aber trotzdem schon Drängler auf der Matte stehen, die es nicht erwarten können, gibt es so lange erst einmal ein Stimmungsbild, das für unsere Gemeinde und die hier herrschende Atmosphäre recht typisch ist. Der Eine oder Andere wird die Geschichte kennen, weil ich sie anderswo schon einmal erzählt habe, aber sei ’s drum:

Einer der speziell bei Münchnern beliebtesten Badeseen ist der nordöstlich von München liegende Feringasee, der zur Gemeinde Unterföhring gehört. Zum Leidwesen der Einheimischen wird er von Vielen, insbesondere Zugereisten, oft falsch ausgesprochen: Es heißt nämlich nicht „Fering-Ga-see“, sondern spricht sich eher wie Fee-Ringer-See. Gut, Feen und Ringer haben eher wenig gemein, aber wenn ’s denn der Aussprache dient…

Der Feringasee entstand Mitte der 70er Jahre des verflossenen Jahrhunderts, als man für den Bau der benachbarten Autobahn große Mengen Kies brauchte, und was als großes Baggerloch begann, hat sich schnell zu einem beliebten Ziel für Badefreunde, Beach-Volleyballer, Surfer und – durch die extra hierfür vorgesehene Halbinsel – FKK-Freunde, bzw. Nackerte, wie der Bayer treffend sagt, entwickelt.

Im Sommer kann der Ausflügler schon einmal zwei Stunden im Stau stehen, um endlich einen Platz auf einer der Liegewiesen am 21 ha messenden Uferbereich zu finden: Wer in Radl-Nähe zum See wohnt, der ist gut bedient, sich in die Radlerschar einzureihen, die am Wochenende auf der Landstraße von München her zum Baden strömt, und um ins Wasser zu pullern.

Deshalb gehen wir hier auch eigentlich lieber zum Poschinger Weiher, weil der auch viel schöner ist, aber das ist geheim:

Der Poschinger Weiher, psst!

Nicht der Feringasee, und noch schöner als dieser: Der Poschinger Weiher, psst!

Die behindertengerechte Anlage und die Biergärten tun das ihre, um die Beliebtheit des Feringasees zu unterstützen.

Ja, aber wem hilft diese Information jetzt, da die Blätter von den Bäumen fallen? Na, Nichtschwimmern wie mir, natürlich! Denn der Winter steht vor der Tür, und anstatt mich vor ihm zu fürchten, stimme ich mich jetzt schon mal ein wenig auf den ersten Frost ein mit meiner schönsten Erinnerung an den vergangenen Winter hier in der neuen Heimat. Denn wenn es lange genug kalt genug ist, friert der Feringasee natürlich zu. Für den Spaziergänger ein traumhafter Anblick, wenn die Sonne scheint, die idyllischen, baumbestandenen Ufer die mit dickem Reif bedeckte, weitläufige Eisfläche säumen, überspannt vom Himmel in bayrisch-weißblau.

Am Ufer findet man natürlich eine große Anzahl Schilder, die den Aufenthalt auf der Eisfläche verbieten: Die Verbotsschilder braucht der Bayer zum Ignorieren, um sich beim Eislaufen und anderen Aktivitäten auf dem Eis so richtig wohl zu fühlen – dann macht es einfach mehr Spaß!

Also setzt man sich aufs Fahrrad, radelt zum See, parkt an einem Verbotsschild und zieht sich die Schlittschuhe an, auch wenn man wie ich eine Zugereiste ist. Wer das Glück hat, in der Nähe zu wohnen, hat mit dem Weg ja keine große Mühe, die sich aber obendrein lohnt.

Wenn das Eis reifbedeckt ist, ist es für weniger Geübte günstig, da es nicht allzu schnell ist und ein wenig Griff bleibt, der die Sturzgefahr mindert, wenn man im Sonnenschein über die große Fläche gleitet. Das ist etwas anderes, als auf einer überfüllten Eisfläche in einer Eissportanlage ständig Rempeleien fürchten zu müssen und obendrein ein kostenloses Vergnügen.

Ich habe Anfang Januar einen Vormittag auf dem See verbracht und auf der ganzen riesigen Fläche waren vielleicht fünfzig Menschen unterwegs. Mitten auf dem See im Sonnenschein stehend, konnte ich nicht widerstehen, mein Mobiltelefon aus der Tasche zu ziehen, um meine Freundin in der westfälischen Ex-Heimat anzurufen: „Stell Dir vor, ich bin gerade dort, wo ich dank meines Nichtschwimmerstatus im Sommer niemals hin käme: Mitten auf dem Feringasee!“.

Man kommt hier übrigens schnell ins Gespräch – dass der Bayer als solcher zum Fremdeln neigt, ist ein hartnäckiges Gerücht, an dem nicht viel dran ist.

So erfuhr ich von einem älteren Ehepaar, das den Enkel über das Eis begleitete, dass es Spiegeleis heißt, wenn kein Reif darauf ist. Wohl wegen der Ähnlichkeit mit der glatten Fläche eines Spiegeleis, dessen Dotter makellos glänzt, aber das ist die reine Vermutung eines von Hause aus nicht allzu naturverbundenen Westfalenkindes.

Eine ganz schön jung gebliebene Großmutter wanderte mit ihrer Enkeltochter über das Eis, sie erklärte mir, wo das Eis wirklich sicher ist, und dass man z. B. vor der Wasserwacht lieber nicht laufen sollte, weil dort wärmere Wassereinströmungen sind, die die Eisfläche dort dünner sein lassen könnten. Zu jung zum Sterben dankte ich, froh über die Belehrung.

Über den See gleitend wunderte ich mich über Gruppen einheimischer Senioren, die sich, Hackenporsches hinter sich herziehend, dem Ufer näherten. Schnell lernte ich, dass Eisstockschießen keineswegs nur während der Olympischen Winterspiele in Hallen stattfindet und im Fernsehen übertragen wird: Sobald bayrische Gewässer zufrieren, frönen die hiesigen Senioren diesem Sport, gut bewaffnet mit Thermoskannen voller Heißgetränke. Das ist hier erstens Volkssport und zweitens ganz normal. Hier werden sogar im Sommer Stöcke geschossen, dann aber ohne Eis, es sei denn, am Stiel. Dann findet das Schießen der Stöcke auch nicht auf dem See statt, sondern auf der Sommerbahn hinten beim Bayerischen Rundfunk.

Meine Kreise – und Stürze – über das Eis führten mich an einem älteren Herrn vorbei, der auf einem Klappstuhl auf dem Eis saß, neben sich den Einkaufstrolley mit dem heißen Tee, umgeben von diesen Geräten, die beim Eisstockschießen über das Gefrorene geschoben werden. Heißen die Eisstöcke? Wahrscheinlich. Der ältere Herr saß da ganz allein, wohl noch wartend auf die Spielgefährten, die noch kommen mochten.

Im Vorübergleiten grüßte ich und merkte an, das Wetter meinte es wohl heute gut mit uns. Seine Antwort: „Ja, magst auch mal schieß’n?“. Ich wäre keine Westfälin, hätte ich nicht gekontert: „Ja, ich hab‘ grade schon gedacht, ich hätte mein Bügeleisen mitbringen sollen, dann könnte ich mitspielen!“. Das Eis war gebrochen, aber nicht das des Sees!

Sekunden später fand ich mich wieder in meiner ersten Unterrichtseinheit im Eisstockschießen und lernte, wie man die eine Schlittschuhkufe in die ins Eis geschlagene Kerbe stellt, um Halt zu haben beim Schuss, wie man richtig Schwung holt, dass man beim Stoß ein Stück hinterher gleitet, und dass mein erster Versuch für einen Anfänger „Ja, Spitze!“ war. Der nächste Versuch endete schon weniger elegant, nämlich mit dem Knie auf dem Eis, aber Dabei sein ist alles! Spannend fand ich auch die Erklärung, dass Eisstock nicht gleich Eisstock ist. Die Laufflächen der Sportgeräte haben nämlich nicht nur unterschiedliche Farben, diese Farben dienen der Unterscheidung der verschiedenen Rutschgeschwindigkeiten der Beläge: Aaaaa-ha!

Der alte Herr und ich hatten ein vergnügliches halbes Stündchen, während dessen ich noch ein wenig allgemeinen Unterricht in „Heimatkunde für Anfänger“ bekam, und hätte ich nicht mittlerweile kalte Zehen bekommen, hätten wir wohl noch ein wenig länger zusammen gespielt. Aber beim Abschied bekam ich noch die Einladung: „Kannst gern wiederkommen, dann spiel’n mer wieda zsamm‘!“

Zum Schluss noch ein Rat:

Wer beim Natur-Eislaufen eine Pause macht, der sollte, wenn er die Pause mit Kufenschonern am Ufer verbringt, nach der Pause ERST die Schoner abnehmen und DANN auf die Eisfläche rennen, wenn er nicht wie ich zehn Meter weit auf dem See Bauchrutschen spielen möchte!

Aktualisierung von 14.01.2009:

Feine aktuelle Fotos und aktuelle Berichterstattung vom munteren Treiben auf dem vereisten Feringasee gibt es seit heute auch.

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11 Antworten to “Feringasee: (K)ein Wintermärchen”

  1. romanmoeller Says:

    Ach, der gute Feringasee. Ich gebe zu – ich vermisse ihn ein wenig! Ich kann deine Ausführungen nur unterstützen. Das ist ein wirklich toller See. Wer jetzt glaubt, das es da wie auf ner Baustelle aussieht, der irrt. Man kann es nicht mehr auch nur ansatzweise erkennen, das es sich um einen künstlichen See handelt.

    Schön geschrieben übrings, fast wie ein Wintermärchen! 😀

  2. buchstaeblich Says:

    Das beste an diesem Märchen: Es ist kein Wort erfunden oder geflunkert, dafür verbürge ich mich.

  3. Schildmaid Says:

    Ernsthaft: Sie sind Nichtschwimmerin?

    Ich bin bass erstaunt! Wie konnten Sie die Schulzeit durchstehen, ohne Schwimmen gelernt zu haben?

    Mir wurde das Freischwimmabzeichen geradezu aufgenötigt. Frei nach dem Motto: Du bleibst so lange im Wasser bis Du entweder untergehst, oder mit dem Abzeichen wieder heraus kommst.
    Was habe ich den Sportunterricht gehasst. 👿

  4. buchstaeblich Says:

    Ich habe den Freischwimmer …. erschummelt: Meine Mitschüler haben den Bademeister ordentlich abgelenkt, damit ich mich am Rand oder unterm Einer-Brett hängend ausruhen konnte.

    Einen Badesee würde ich übrigens niemals ohne Eis betreten – da drin gibt es Blutegel: Wuuääääh! Aber am Ufer sitzen und aufs Wasser gucken, das ist fein.

  5. Schildmaid Says:

    Ich hatte in der Schule immer wieder mit Schwimmunterricht zu kämpfen.
    Nur Freischwimmer hat meinem Lehrer nicht gereicht, da musste ich noch Fahrten- und Totenkopfab.zeichen machen. Und hastenichtgesehen viele verschiedene Schwimmstile lernen.
    Mir hat das gar nicht gefallen, es war eine Qual. 😦

    Badesee? Niemals würde ich in ein Wasser gehen, dessen Bodengrund ich nicht sehen kann! Mit Blutegeln habe ich bisher noch keine Bekanntschaft machen müssen, aber die Untiefen und Strömungen sind mir unheimlich.

    Ich glaube, ich hatte einfach schon zu viele Alpträume, in denen ich ertrunken bin.

  6. elphaba Says:

    Dein Bild ist ganz nett, sieht mir aber zu kalt aus, ich habe Achter schon den Kampf angesagt:
    http://chaosimkopf.wordpress.com/2008/10/15/das-ende-der-sommerzeit/

    *Sommerhabenwill* *rollkragenvompullihochzieh*

  7. buchstaeblich Says:

    Elphaba,

    wenn wir den Winter schon nicht verhindern können, dann müssen wir zusehen, ihm positive Seiten abzuringen. Oder ihn uns schönquatschen.

  8. elphaba Says:

    Ja, Ja, *schnief*
    Soll ich Mama zu Dir sagen :))?

    Ich fang dann mal an mit dem schönquatschen, die Kinder gucken nur dumm, wenn ich selbstgesprächeführend durch die Gegend lauf…

  9. Unterföhrings Geheimnis fliegt auf! « Buchstaeblich seltsam! Says:

    […] gibt, und sie auch selbst zu Wort kommen lassen. Doch ausgerechnet dieser Start fing mit einer Verzögerung an – ich hätte auch nicht geahnt, wie schnell man in einer Gemeinde zur Geheimnisträgerin wird. […]

  10. Zu wohl … « Buchstaeblich seltsam! Says:

    […] Zu wohl … By buchstaeblich ist es der Buchstaeblichen. Deshalb geht sie morgen aufs Eis. […]

  11. Igitt in Unterföhring? « Buchstaeblich seltsam! Says:

    […] Sex Feringasee […]

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