Das Fleh’n, es wurd‘ erhört


Ach, die indirekte Fanpost ist ja so eine Sache.

Ich bekomme in letzter Zeit anonyme Aufforderungen via Suchmaschine, in denen indirekt darum gefleht wird, ich möchte doch wieder einmal Stellung nehmen zu einer gewissen Insel in einem gewissen Atlantik.

Normalerweise gebe ich nicht viel um dergleichen, und würde eigentlich kontern mit Schiller:

„Nein! Du erbittest mich nicht. Du hörtest dich gerne verspottet,
Hörtest du dich nur genannt; darum verschon ich dich, Freund.“

Aber weil ich weiß, wie wenig Gesprächsstoff es dort gibt, weil sowieso jeden Tag schönes Wetter ist, will ich mal nicht so sein und die Fraktion derer, die mich mit Argusaugen bewachen, weil sie ja sonst nichts zu tun haben, mit frischem Futter versorgen. Glaubt Ihr wirklich, ich würde meine Besucherstatistik nicht zu analysieren vermögen? Da ja sonst niemand über sie spricht. Hier bei mir können sie sich wenigstens einbilden, es seien sie höchstpersönlich, über die man schreibt. Solange sie nicht merken, dass das man Klischees einfach nur erkennen muss, und dann einfach nur mitstenografieren kann, und dass das eigentlich alles Andere als schwierig ist …

Außerdem ist Sonntag, dank schönem Wetter der perfekte Tag, an dem in Kleinbloggerhausen ohnehin nichts los ist, so dass eine aus dem Fundus hervorgekramte Geschichte keine Mühe macht, aber Beitrag ist Beitrag, und egal.

Haarig, haarig…

Beschaut man sich die touristische Klientel auf der Insel der Batiklappenträger, so stellt man schnell gewisse Muster fest, die möglicherweise Rückschlüsse zwischen der Haartracht auf dem Kopf und der Denkart unter der Schädeldecke zulassen.

Es scheint, als würden Haarwurzeln doch tiefer ins Gewebe eindringen, als bisher gedacht und als würden der Umgang mit den Keratinfäden an der Oberfläche über die Wurzeln bis tief in verborgene Hirnregionen Veränderungen bewirken. Oder umgekehrt? Mal sehen.

Die Wurzeln des Tourismus im Tal der Räucherstäbchen reichen jedenfalls in die 70er Jahre zurück, als das Aufmucken gegen die altvordere Generation noch notwendig war und der Hippielook noch einigermaßen sinnvoll war, da er ein effizientes Mittel darstellte, sich gegen Eltern, Lehrer und sonstige Respektspersonen aufzulehnen. Heute, 30 Jahre später, haben die Kindlein gar nichts mehr, wogegen sie sich auflehnen müssten, weil wir ältere Generation ihnen erst sämtliche Auflehnthemen verbrannt haben und dann unsere Bruten so liberal haben aufwachsen lassen, dass Widerstand weder vonnöten ist noch mangels Vertrautheit mit gesetzten Grenzen funktionieren könnte.

Trotzdem ist der Geist der Langhaarigkeit nicht verschwunden, sondern sehr anwesend, selbst wenn er sich mitunter nur schwer erkennen lässt.

Denn die Langhaarigen von damals haben – vielleicht durch sentimentale Erinnerungen – die Sehnsüchte von damals im Kopf, wenn sie dorthin reisen. Zumindest im heimlichen Trolley-Seitentäschchen reisen die Lederbändchen von damals mit. Viele von ihnen haben ihre Haarpracht irgendwann doch einem etablierten Job geopfert, oder Buddha, oder einer nörgelnden Lebenspartnerin, oder es wächst schlicht nicht mehr genug, was man offen um die Schultern drapieren und im Wind wehen lassen kann.

So tragen sie heute als Vertreter der Generation 55+ eher Silberstoppeln als Silberlocken und setzen einen Hemingway-Gedächtnis-Strohhut darüber, so dass der Mojito in der Hand eine Menge „und das Meer“ suggeriert, damit „der alte Mann“ ein wenig in den Hintergrund tritt – frei nach dem Motto „Bastle dir einen Nimbus, dann fällt die Granufink-Packung nicht so auf!“.

Unter 55 und hager, greift so mancher Hühnerbrüstige zum Anglerhütchen und sieht albern aus wie weiland Don Quijote unter seinem Rasierbecken-Helm. Das merkt er aber nicht, denn er wurde schon als Kind gehänselt.

Die Anglerhütchenträger tragen ihre Haarpracht meist unentschlossen irgendwo zwischen kurz und lang, weil sie zu Hause höchstens zweimal jährlich zum Friseur gehen, damit sie nicht so oft in einen Spiegel schauen müssen.

Sie hätten als Jungs gern lange Haare tragen dürfen wollen, hätten Mutti und Vati sie nur können lassen.

Unter 30 schocken die Jungs dann gern noch mit Drecklocks, bei denen man kaum erkennt, wo das Geflecht filziger Haarstangen in das Batiklappengewirr der Kleidung übergeht. Das merken sie oft erst, wenn beim Absetzenwollen des Didgeridoos versehentlich eine Haarstange statt des indischen Haltelappens gegriffen wird und es dann ziept.

Die passenden weiblichen Exemplare dieser Gattung sind pragmatischer, vor allem aus Angst, dass sie am Strand einen ungleichmäßig verbrannten Schokopudding bekommen, der durch darüber hängende Filzstränge beschattet werden könnte.

Deshalb haben sie gern ein Stück Batiklappen dabei, mittels dessen sie das Filzgestänge auf dem Kopf zusammendröseln. Hervorstehendes Glump weckt die Assoziation „Teletubbies“, doch den Älteren unter uns wird der Begriff „Opodeldoks“ aus den frühen Jahren der Augsburger Puppenkiste geläufiger sein. Auch einige männliche Opodeldoks werden gelegentlich gesichtet, besonders beim abendlichen Trommelritual am Strand bei Marias Bar.

Gewachsene Antennen sind sie gewöhnt, denn sie glauben allgemein an Ufos, Erleuchtung und berauschende Heilkräuter. Hierbei muss man weniger denken und braucht kaum so etwas wie gesunden Menschenverstand und den Dativ; wer je ihren Gesprächen heimlich gelauscht hat, um Lachstoff für den restlichen Urlaub zu sammeln, weiß das.

Auch gern im Gefolge derer, die glauben, die Sonne brauche getrommelte Befehle, um zu wissen, dass sie nun Feierabend hat, sind die Fürsorgezöglinge. Sie sind bis ca. Mitte 30 Jahre alt, aber in ihrer Jugend waren die Fürsorgestellen immer besetzt von den Sprösslingen der Pädagogen. So haben sie immer davon geträumt, selbst einmal der herbeigesehnte rettende Sozialarbeiter zu werden, scheiterten aber an Unbillen wie Schulabschlüssen, Prüfungsordnungen oder spätestens beim Vorstellungsgespräch mit dem Amtsleiter an der Frisur.

Diese ist maximal halblang, sieht aber keinesfalls so aus, als sei die tragende Person auch nur entfernt in der Lage, halblang zu machen. Eher so, als sei dem friseur-spielenden WG-Genossen nach halb verrichteter Arbeit die verrostete Haushaltsschere schlicht zerbrochen oder in den Topf mit den verschimmelten Nudeln gefallen, und als habe er sich zu sehr gegraust, sie dort wieder heraus zu holen, um seine Aufgabe zu vollenden. „Das trägt man jetzt so!“, und kaum ist ein WG-Küchen-Schlager von der winselnden Anette Liasan oder „Die perfekte Welle“ aufgelegt, sind auch die Opfer des Salons WG-Küche wieder gut aufgelegt – das mit dem Verdrängen wurde ja in der Jugend lange geübt.

Einen Job bekommen haben die Pädagoginnen und Sozialarbeiterinnen, die hier nach langhaarigen Abenteurern ausspähen, aber kaum zum Zuge kommen, weil die Lederbändchenträger doch eher frischen Backfisch als welken Salat mümmeln möchten. Einen guten Friseur verabscheuen sie aber, weil der zum Establishment gehören könnte, sie bevorzugen stattdessen esoterische Haare-Abbeter mit Vollmond-Diplom und Pflanzenfarben-Feng-Shui, so dass eine gewollte Asymmetrie mit magischen Prinzipien behauptet wird, wo mangelhafte handwerkliche Leistung drin ist.

Ganz übel dran sind die Damen, die vor 30 Jahren ihre Haare so wachsen ließen, wie die Jungs aus der Parallelklasse in der dritten Ehrenrunde mit dem Moped. Der Junge mit dem Moped hat sie sitzen lassen, doch sie haben ihre Jeansjacken seitdem tapfer nicht gewaschen, weil er sie ihnen damals während eines Rückfalls in ein präpubertäres Stadium der Fürsorglichkeit zugeknöpft hat. Auch die Frisur behielten sie bei für den Fall, dass der in den Sonnenuntergang Davongestobene eines Tages wie die Sonne die Runde um den Erdball vollendet und wieder vorbei kommt. Weil das aber nichts wird, warten sie bis heute am Hafen von Vueltas auf den Plastikstühlen, und man hat das Gefühl, sie warten dort seit Jahren rund um die Uhr.

Ein seltener, aber stets wieder vorkommender Anblick, der mein Herz zum fröhlichen Geklopfe ermuntert, ist der Kirchentagsscheitel. Die Trägerinnen des Kirchentagsscheitels sind maximal 25 Jahre alt, und so bleich, wie man nur werden kann, wenn man seine Zeit zu Hause in christlichen Helferkreisen mit der Vorbereitung von Kindergottesdiensten verbringt, statt in der von deren angeblichem Gott angeblich geschaffenen Natur umher zu tollen.

Doch dann würde das Klämmerchen verrutschen, das die Mutti angeordnet hat, damit die Haare nicht ins Gesicht fallen, die in ordentlicher Gleichförmigkeit den halben Rücken bedecken, und den Busen gleich mit, falls einmal etwas passieren sollte, das die Kleidung verrutschen lässt, Sie verstehen!

In der Oberstufe des humanistischen Gymnasiums, gleich nach Erlangung der Volljährigkeit, wurden die Kirchentagsscheitel von einem Pfadfinder zum Händchenhalten gepflückt, und gemeinsam wartete man den erfolgreichen Abschluss des Studiums ab, er Maschinenbau, sie Musik und Textiles Gestalten fürs Lehramt, um nun das ganz große Abenteuer zu wagen: Den ersten gemeinsamen Urlaub zu verbringen, den unsere Protagonisten in der kalten Heimat mit Nachhilfeunterricht finanziert haben. Hier wollen sie es nun zum ersten Mal tun: Sie werden gemeinsam den Sonnenuntergang betrachten, bevor sie sich weiterhin für den Tag der Eheschließung aufsparen.

Vielleicht finden sie hier sogar die eine oder andere fehlgeleitete Seele, die sie vor der ewigen Räucherstäbchen-Verdammnis retten können in die himmlischen Sphären von Weihrauch und Benedetto.

Dass inzwischen zuviele Reportagen über Urlaubs-Paradiese im Atlantik im Fernsehen gezeigt werden, zeigt uns der immer häufiger vorkommende Anblick von konsequent verfärbten Vorstadtfriseusen-Fönfrisuren über Schweinsäuglein-Makeup. Soweit hat es sich also schon herumgesprochen, dass man in Sonnentrommelhausen keinen Fernseher im Apartamento braucht, weil es an allen Ecken und Enden lustige Völkchen zu begucken gibt. Weil man zusätzlich zur Raucherlaubnis in den meisten Restaurants gutes Essen zu deutschen Pommesbudenpreisen bekommt, lassen sich bereits erste Kegelclubs deutschprovinzieller Kreischhühner gruppenweise mit Grillhähnchen auf dem Teller fotografieren, weil hiesige Gockel dann doch lieber auf Batikhühner aufspringen als den Toupierten den knatschtürkisfarbenen Lidstrich zum Verlaufen zu bringen.

Aber innerlich – also, innerlich! – tragen sie hier alle lang und offen.

P.S.: Liebe Batikläppler, geht es Euch jetzt besser? Da bin ich aber froh!

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3 Antworten to “Das Fleh’n, es wurd‘ erhört”

  1. PvC Says:

    Hach, da bekommt man doch gleich Lust, die eigene Frisur dazu zu werfen und aufs fröhliche Verhäckseln zu warten!
    Alerdings merke ich jetzt, wie alt ich bin. In meiner Jugend trug man statt Kirchentagsscheitel noch eine Pietistenzwiebel mit Hallelujaprügel im Nacken…

  2. buchstaeblich Says:

    Pietistenzwiebel? Auch toll!
    Daraus lässt sich gewiss auch vieles ablesen … 😉

  3. Dr. Buchstaeblichs Worte zum Sonntag XIV « Buchstaeblich seltsam! Says:

    […] einige lange Gesichter, weil ich hier Fragen auslasse. Allerdings habe ich hierzu sozusagen bereits Stellung genommen: In der modernen Verhaltenstherapie, die ich bei der Tier-Nanny studiert habe, gilt, dass man auf […]

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