Die Sache mit der Bildung


Gestern lief Anne Will, es wurde wieder leidenschaftlich salbadert um die Frage, ob das Bildungssystem verändert werden müsse, und wenn ja, wie. Da bekam ich doch glatt wieder Befindlichkeiten.

Dass es so, wie es läuft, eher schlecht läuft, sollte doch inzwischen auch der Letzte kapiert haben.

Dass das Etikett Hauptschule nicht gerade förderlich ist für den Einstieg in eine berufliche Zukunft, wissen wir auch alle.

Im Grundschulalter die Weichen für das gesamte folgende Leben zu stellen, ist schlicht unnötig, das machen uns andere Länder doch schon lange vor.

Die Diskussion um unser Schulsystem läuft schon so dermaßen lange, und es sind jedes Mal die gleichen Nasen, oder zumindest ist es immer die gleich Art Nasen, die da ihre Standpunkte aneinander vorbei gebetsmühlen.

Was mir an der Debatte fehlt, ist die Fantasie. Bei allen Beteiligten.

Ich finde, man sollte die Diskutanten miteinander einsperren. So lange, bis sie alle gemeinsam ein Schulmodell entworfen haben, das taugt.

Ein Modell, das die vermeintlich Schwächeren fördert, das den Hochbegabten gerecht wird, das die Schüler mit besonderen Bedürfnissen nicht außen vor lässt. Eine Schule, die Schülern nicht vermittelt, schon als Kind ausgemustert zu sein, in welche Richtung auch immer.

Eine Schule, die den Kindern auch mit 12 oder 14 oder 16 noch die Tür offenlässt, um die Kurve zu kriegen, damit sie sich selbst und ihre zuständigen Erwachsenen noch überraschen können, indem sie einen gefallenen Groschen in den Bildungsautomaten werfen können und möglicherweise einen Hauptgewinn damit herausholen können.

Eine solche Schule würde nicht zwingend dazu führen, dass Schwachmaten mit Genies in denselben Raum gepfercht werden, mit der Folge, dass es beiden Parteien nicht gut tut, das ist alles eine Frage der Organisation. Und natürlich könnte man die Überflieger von denen unterscheiden, die ein bißchen langsamer ticken für das eine oder andere Fach – es gibt ja immer noch Leistungsbarometer wie Zensuren, nicht wahr? Und auch für alle die verschiedenen vorhandenen Lehrersorten, die wir jetzt haben, bliebe durchaus genug Platz, da mache ich mir keine Sorgen.

Und so, wie es jetzt verschiedene Unterichtsniveaus gibt, auf denen man Naturwissenschaften oder Sprachen lernt, könnte das auch in so einer Einrichtung der Fall sein. Vielleicht braucht ja einer, der Mathe auf Siebtklässler-Realschulniveau zu begreifen imstande ist, einen Deutschunterricht, der der jetzigen gymnasialen 12. Klasse entspricht. Na und? Vielleicht ist derjenige momentan erst 14 und mal sehen, in welche Richtung der sich noch entwickelt.

Vielleicht sind diese Beispiele blöd, aber sie sind ja nur Beispiele. Und sie sollen nur verdeutlichen, dass es vielleicht an der Zeit ist, geltende Vorschriften auf die Seite zu schieben, um den Kopf frei zu bekommen, damit Visionen Platz haben, die man dann überprüfen kann auf mögliche Tauglichkeit oder Untauglichkeit.

Denn diese Holzigkeit in den Diskussionen um Bildung bringt unser Land nicht einen Schritt weiter, das sieht man doch.

Wieviel von dem, was an Bildung vielleicht jetzt schon prima ist, stellt sich doch dann heraus, aber wenn man neue Ideen nicht zulässt, kann man sie nicht überprüfen. Und wenn man feststellt, dass die bisherigen Regeln immer noch besser sind als alles andere, dann kann man sie ja beibehalten – ich rede nur davon, dass man fürs Denken wenigstens temporär den Kopf frei haben sollte

Vielleicht findet man aber doch ein Bildungsmodell, dass allen gerecht wird, und möglicherweise sogar richtig gut, und vielleicht würden es dann doch so einige Schulverweigerer überdenken und doch lieber hingehen als sich in aller Heimlichtuerei durch den Tag zu langweilen? Man weiß es nicht.

Aber wenn man nicht danach sucht, wird die Lösung kaum an die Tür klingeln und sagen: Hier bin ich.

Wenn man so eine Lösung dann aber gefunden hat: Wie immer sie aussieht, kann man sie dann nicht einfach „Schule“ nennen?

Die Folge einer solchen Schule wäre natürlich, dass Personalchefs künftig nicht mehr anhand der Überschrift des Zeugnisses entscheiden könnten, den Rest gar nicht mehr zu lesen. Und vielleicht sollte es eine Art Postfachsystem zu geben, so dass Bewerber auch nicht mehr anhand ihrer Absende-Adresse ausgemustert werden könnten.

Damit der, der Leute einstellt, gezwungen ist, sich die Menschen (oder wenigstens deren komplette Bewerbungsmappe) anzuschauen, die künftig vielleicht mit ihnen arbeiten sollen.

Man muss mich übrigens nicht fragen, wie so ein Bildungsmodell auszusehen habe: Ich weiß es nicht!

Ich habe nicht nur keine Ahnung von Politik, ich habe auch keine Ahnung, wie man ein Bildungssystem konzipiert.

Mir fällt nur auf, wenn Leute unglaublich unflexibel aneinander vorbei reden und sich gegenseitig nicht zuhören, in der Hoffnung, ihr Statement einmal länger zu wiederholen, bis die andere Seite aufgibt, um dann einen vermeintlichen Sieg zu verbuchen.

Weil mich das unerträglich nervt, nehme ich mir das Recht heraus, zur Konstruktivität aufzurufen. Und zwar alle Beteiligten:

Kotzt euch nicht gegenseitig in den Vorgarten, sondern traut Euch, Lösungen zu träumen.

Möge die beste gewinnen: Die, die Kinder und Jugendliche nicht nur schlau und kompetent, sondern obendrein froh macht.

Nachsatz:

Was mich – wie bei vielen Sendungen und Artikeln zu dem Thema aber so richtig anpieselt, ist das Verschweigen. Alle reden immer nur von Haupt- und Realschulen, sowie Gymnasien. Als gäbe es keine Sonderschulen (Förderschulen nennt man sie wohl auch, wenn ich da richtig im Bilde bin):

Leute, diese Schulen gibt es auch, und ich fände es zackig fair, wenn man diese Schulen, ihre Lehrer und vor allem ihre Schüler nicht totschweigen würde! Dies aber nur mal so am Rande – denn auch Sonderschüler (welcher Art auch immer) sind ein Teil unserer Gesellschaft und fänden es sicher nett, wenn sich jemand um ihre Zukunft den Kopf zerbräche, und auf welche Weise man sie in ein mögliches Schulutopia einsortiert.

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15 Antworten to “Die Sache mit der Bildung”

  1. entegutallesgut Says:

    Es tut mir wirklich sehr leid, diese Diskussion verpasst zu haben. Was für ein Theater ständig wegen unseren Schulen gemacht wird und es kommt trotzdem nichts raus. Österreich ist ja in Sachen Pisa noch mehr daneben, als zum Beispiel Deutschland.
    Ich bin ja in eine reine Mädchenschule gegangen. Von der sozialen Seite her, ist das nicht sonderlich förderlich, weil man anfangs so ein gespreiztes Verhalten zum männlichen Wesen hat. Dann kam die gemischte Schule auf, es durfte keine reine Buben, oder Mädchenklasse/-schule mehr geben. Jetzt kehrt man wieder zurück, weil man draufgekommen ist, dass Weiblein und Männlein getrennt gefördert werden soll. So ist es ein ständiges Hin- und Her und es geht nichts weiter. Ich könnte noch seitenweise darüber schreiben, welche Ecken, Kanten und Riesenlöcher unser Schulsystem hat. Das beginnt bei den Schulen selbst, beim Ministerium, bei der Direktion, beim Lehrkörper und geht weiter zum Unterricht.
    Für meine Begriffe ist Bildung noch immer Politik und deswegen geht auch nichts weiter. Zum Beispiel ist der Stadtschulrat in Wien unter sozialistischer Führung und wenn dann noch der Minister eine Schwarze ist, dann ist es überhaupt sehr spannend, wer da sein Ding durchziehen will. Da zieht der eine den Sessel weg und der andere rückt den Tisch nach. Jetzt haben wir eine rote Ministerin, aber es tut sich ebenso wenig.

    Abschließend möchte ich noch dazu sagen, es werden immer die Bildungsmodelle anderer Länder hinzugezogen und lamentiert, wie gut es diese Länder machen. Dabei zaudern die Herrschaften wieder so, ob man das 1:1 auch ins eigene Land transformieren kann und es ist ein Stillstand, wie er vorher war.
    Bildung kostet Geld und hier wird am meisten gespart!

  2. buchstaeblich Says:

    Und in der vertanen Zeit läuft den Kindern und Jugendlichen die Zeit weg.
    Einer ist gegen eine Sache, nicht weil er davon überzeugt ist, sondern weil es einer aus der Konkurrenzpartei gesagt hat: Es ist zum Würgen.

    Fast hätte ich ja gesagt: Schön, dass es nicht nur Deutschland so geht, aber nee: Schlimm. Schlimm, überall wo es passiert, wenn nicht mehr mit dem Verstand gedacht wird, sondern nur noch mit dem Parteibuch.

    Politiker, hört auf zu schachern: Bringt uns Lösungen, verdammte Hacke!

  3. weltdeswissens Says:

    Sehr spannend war zu diesem Thema eine Ausgabe der brandeins vor einigen Monaten. Es wurde u.a. ein österreichisches Bundesland vorgestellt, in dem die Sonderschulen abgeschafft wurden und ALLE Kinder Zugang zur Regelschule haben. Mit erstaunlichen Erfolgen für alle Kinder. Die Überfliegerkinder lernen nämlich z.B. Verantwortung und Sozialkompetenz im Zusammensein mit den anderen Kindern.

    Ich wünsche mir mehr Mut zu Experimenten in Deutschland.

  4. buchstaeblich Says:

    Ja. Die Kinder müssen ja nicht alle Unterrichtseinheiten gemeinsam verbringen, falls es so sein sollte, dass es der einen oder anderen Gruppe nicht gut tut. Aber was spricht dagegen, dass Kinder, die heute in einer Sonderschule sind, mit normal oder hochbegabten Kindern einen Pausenhof teilen, Sport treiben, Singen, Malen oder zu Mittag essen (oder was immer sonst noch an Unterricht gemeinsam stattfinden kann)?

    Aber wie auch immer:
    Es ist doch komisch, dass wir hier so gar kein Problem haben, uns für einen Moment Dinge vorzustellen – und es in Ordnung zu finden, falls einer kommt und sagt: „Hey, das geht aus dem und dem Grund nicht, weil blah…, das müste man schon so und so machen.“
    Warum können die für Bildung Verantwortlichen das nicht?

  5. weltdeswissens Says:

    Weil Bildung Teilhabe bedeutet. Weil sich die „oberen Schichten“ sehr bequem so eingerichtet haben, wie es ist. Weil Menschen mit besserer Bildung auch geltende Systeme in Frage stellen würden? Weil die breite Masse nicht mehr so bequem zu regieren wäre? Nur so ein Gedanke..

  6. buchstaeblich Says:

    Sie werden umdenken müssen: Immer mehr Lehrstellen können nicht besetzt werden, es fehlen Ingenieure an allen Ecken, es fehlen LEHRER!
    Außerdem sind für Bildung verantwortlich auch Lehrer und Eltern.
    Müssen wir denen vordenken? Ich habe nicht ein einziges Kind!

  7. lakritze Says:

    Ein Faß ohne Boden! Ich habe zwar die Diskussion nicht gesehen, aber sie hat ja offenbar bewirkt, daß andernorts weiterdiskutiert wird. Ich fürchte nur, daß alle Reformbestrebungen im Sande verlaufen, die mit (vermeintlichen) Zusatzkosten verbunden sind.

    Tragischerweise ist ein entscheidender Faktor für Schulerfolg (Interesse, Motivation …) die Lehrerpersönlichkeit; unabhängig von der Schulform. Das taucht immer mal wieder in Untersuchungen auf. Leider ist die Lehrerpersönlichkeit auch der Faktor, den man am wenigsten beeinflussen kann. Aber das nur am Rande.

  8. Achter Says:

    Tolles Thema, toller Beitrag, danke Fr. Buchstäblich 😉
    Mehr sag ich erstmal nicht, ich laß es noch gären…

  9. buchstaeblich Says:

    Lakritze,
    da sagst Du was!
    Es sind so viele Lehrer im Amt, die Lehrer wurden, weil das so ein sicherer Job ist/war, die eigentlich etwas anderes machen wollten, aber …

    Es sind aber auch viele Pädagogen unterwegs, die gerne würden, wenn man sie nur ordentlich machen ließe.

    Genau so gibt es Kinder, die gerne würden/könnten, aber anders …

    Was hinderlich ist, ist der Beton in den Köpfen derer, die Entscheidungen treffen, auf allen Seiten: Kinder, Eltern, Lehrer, Politiker.

    Hinderlich ist „das geht ja sowieso nicht“, „das haben wir immer so gemacht“, „das kann man nicht bezahlen“.

    Das temporäre Rausschmeißen festgefahrener Gedanken, ist das Schwerste, kostet aber eigentlich nichts: Sich trauen, neue Gedankenwege zu gehen, und sei es nur für 10 Minuten.
    Ob und was die Folgen kosten würden: Dafür gibt es Fachleute, dafür gibt es auch Software, die man bemühen könnte.

    Vielleicht ist ein anderes, besseres System am Ende ja sogar billiger oder gleich teuer, ich weiß es nicht.

    Und vielleicht hilft die Gedankenkrücke, dass ein Umdenken nicht bedeutet, dass man Kinder zu Versuchskarnickeln macht – das fände ich auch schlimm! – sondern das Gedankenkonstrukte durchaus so ausreifen können, dass am Ende etwas herauskommt, dass eine ausgereifte Lösung ist, und besser als das, was wir jetzt haben. Wir wissen es nicht, aber es werden auch Milliarden ausgegeben für Weltraumforschung, von der wir nicht wissen, ob sie der welt etwas bringt.

    Gehirnschmalz kann man ohnehin nicht mit Geld aufwiegen. Aber wenn endlich alle mitdenken und sich trauen, auch mal eine Idee zu äußern, die vielleicht nur dazu taugt, Mist zu entlarven und Grenzen nach unten abzustecken, dann ist doch auch schon etwas gewonnen.

    Aber ich glaube, ich habe heute meinen Utopia-Tag.

    Achter,
    auf deinen Einstieg freue ich mich, so er denn passiert.

  10. entegutallesgut Says:

    @weltdeswissens: Ich kenne zwar nicht den Bericht, von dem du sprichst, Tatsache ist allerdings, dass es kein österr. Bundesland gibt, das Sonderschulen generell abgeschafft hätte. Könnte sein, dass es in einem Bundesland in der Volksschule nur mehr Integrationsklassen gibt, aber sicherlich nicht für Schüler ab 10 Jahren. Leider ist Österreich da um kein bisschen mehr Vorreiter als Deutschland.
    Hier kannst du gerne die Sonderschulen jedes österr. Bundeslandes abrufen: http://www.pinoe-hl.ac.at/schulen/

    @buchstäblich: Zu deinen Ausführungen was Lehrer anbelangt, muss man aber ganz ehrlich dazu sagen, dieser Berufsstand genießt nicht sonderliches Ansehen. Das heißt, es muss nicht nur am Bildungssystem geschraubt werden, sondern auch in unseren Köpfen.

  11. buchstaeblich Says:

    Natürlich! Lehrer werden nur zu gern in den Topf geworfen, sie hätten ein bequemes Leben, würden nur halbtags arbeiten und hätten pausenlos Ferien: Das ist natürlich Blödsinn, der unglaublich entmotivierend wirkt.

    Lehrer sind die Menschen, die der nächsten Generation das Rüstzeug fürs Leben geben (genau wie Eltern), sie verdienen als Berufsstand erheblich mehr Respekt und Anerkennung.

  12. Michi Says:

    Zum Thema Schule sage ich besser nix. Sonst werde ich noch aus dem blog geworfen.:-)

    Doch, eins: es ist unerträglich, dieses Schulwesen. Noch eins: es ist unerträglich. Noch eins: ….

  13. buchstaeblich Says:

    Aus dem Blog geworfen? Wieso das denn? Nicht von mir.

  14. Michi Says:

    Lol. Abwarten. Ich bin nach nun 6 Jahren „Unterricht“ von k1 bzw. k2 so geladen, dass ich wirklich bald die Kotztüten in den Flugzeugen sammle. Sorry.

  15. buchstaeblich Says:

    Ich wäre schon sehr an den juicy bits interessiert, aber falls die Lehrer der lieben Kleinen mitlesen, wäre das nicht gut für die Lütten – verstehe …

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