Marmeladenpolitikum?


Ich mag nicht gern belogen werden, Dr. Oetker! Wirklich nicht!


Marmeladensaison.

Alles rennt los und erntet oder kauft frisches Obst für die „Hausgemachte“.

Als Kind fand ich das furchtbar: Stundenlang in der Küche hocken und mithelfen, das Obst vorzubereiten. Das wurde mit Unmengen von Zucker zu einem farbigen, klebrig-süßen Schmodder verkocht. Jedes Mal Vorfreude durch den Nachhall der beim Putzen vernaschten Früchtchen, jedes Mal Enttäuschung, weil der bunte Schmodder nicht mehr so schmeckte wie das Obst, sondern einfach nur süß. Der gleiche Frust wie bei diesen Scheißlimos: Erst bunt gucken und dann nur kleben.

Die „former generation“ meinte dann immer nur, ich sei erstens undankbar und zweitens müsse man soviel Zucker nehmen, weil das sonst nicht geliert. Naja.

Später kamen dann die Produkte für zuckerreduzierte Marmeladen (oder Konfitüren oder Gelees oder Fruchtaufstriche oder wie sonst auch immer die EU möchte, dass man Marmelade nennt).

Immer noch zu süß.

Ich hatte es dann irgendwann aufgegeben, zumal mir meist ohenhin eine Stulle mit Wurst oder Käse lieber ist.

Nun wohne ich aber in Spuckweite von einem Erdbeerfeld zum Selbstpflücken, und wer mir erzählen will, er wäre gegen Verführungen gefeit, der kann mich ja mal besuchen. Wenn einen tiefrote Beeren vom Feld anlachen, wird Charakter zur Lachnummer.

Und wieder Visionen von tiefrotem Fruchtgenuss auf frischem Brot.

Auf in den Supermarkt, Orientierungsstudien standen auf dem Plan.

Oh, das kannte ich noch gar nicht – kein Gelierzucker, sondern Geliermittel, kleines Päckchen, braucht man auch nicht soviel zu schlören.

Auf der Packung stand dann aber doch etwas von 350 Gramm Zucker – wahlweise soundsoviel Süßstoff: Mist.
Weil ich aber so gerne lese, und seien es Gebrauchsanweisungen, las ich bis ganz nach unten weiter. Dort stand „Tipp“. Man solle, falls die Gelierprobe (für Marmeladenunkundige: Ein Klecks der heißen Fruchtmasse wird auf ein kaltes Tellerchen gepatscht, wenn es innerhalb kurzer Zeit so fest ist, dass das Zeugs vom senkrecht gestellten Teller nicht abläuft, ist die Marmelade fertig) enttäuscht, bitte ein Tütchen kristalline Zitronensäure unterrühren, dann wird es.

Ach? Es ist Säure, die den Gelierprozess unterstützt? Nicht der Zucker?
Klar, sonst hätte da nichts von Süßstoff gestanden: Der ist genau so überflüssig für Marmelade wie Zucker.
Aber er steht genau so selbstverständlich in der Zubereitungsanleitung wie der unnötige Zucker.

1. Reaktion:
In Gedanken eine Zeitreise gemacht und die „former generation“ erwürgt: „Stimmt, ich bin undankbar!“

2. Reaktion:
Das Kilo Erdbeeren in Topf geworfen, auf den Herd damit, Passierstab reinhalten, das Zeugs dazu, mit Zitronensaft (von wegen „kristalline Zitronensäure“, pah!) abgeschmeckt – vor allem zur Geschmacksabrundung – und dann insgesamt 2 Eßlöffel Zucker hinterhergerührt, also gerade soviel, dass es mir so schmeckt wie der Marmeladentraum meiner Kindheit hätte schmecken sollen.

Gelierprobe gemacht: Perfekt. Auf Anhieb.

Worauf ich hinaus will?

Der Kappes mit dem Zucker ist eine glatte Lüge.
Man muss Marmelade nicht mit Zucker verkleistern, wenn einem das nicht schmeckt.
Man kann Obstzeugs für auf die Stulle sogar total sauer gestalten, falls es jemandem gefällt.
Man kann aber auch einfach nur ein Löffelchen Süßes – z. B. Honig oder Sirup – zugeben.

Aber es braucht keine Mengen nach Vorschrift! Die einzige Regel ist: Schmeckt es mir?

Vielleicht hält eine Marmelade ohne Zucker nicht bis zum Winter. Aber, hey: Eine wirklich gute Marmelade esse ich doch gerne bald auf! Und genau darauf würde ein fairer Anbieter doch auch eingehen können in seiner Zubereitungsanleitung, oder?

Ich weiß ja nicht, ob die Zucker-/Süßstofffabrik Dr. Oet.ker gehört, oder ob Dr. Oet.ker der Zucker-/Süßstofffabrik gehört.
Dann würden wir ganz schnell verstehen, warum so seltsame Unwahrheiten auf der Gerliermittel-Packung steht, nicht wahr?

Aber vielleicht sagt auch einfach die Zucker-/Süßstofflobby, wenn ihre Produkte nicht vom Geliermittelproduzenten befohlen werden, dann kauft sie kein Geliermittel mehr für ihre Fertigmischung namens Gelierzucker bei Dr. Oetker.

Ich weiß es nicht. Im Prinzip sind mir die Gründe auch scheißegal.

Aber ich habe nun das Problem, einen Geliermittelhersteller zu finden, der in seinen Zubereitungsanleitungen nicht lügt.

Denn verarschen kann ich mich allein, dafür brauche ich Dr. Oet.ker nicht.

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5 Antworten to “Marmeladenpolitikum?”

  1. Schildmaid Says:

    Hach, da weiß ich doch wieder, weshalb der Arzt meines Vertrauens Dr. House heißt! 😀

  2. buchstaeblich Says:

    Nicht wahr? Der sagt zwar beonders gern schnmerzhafte Wahrheiten, aber er vergackeiert einen nur, wenn ees das eigene Leben rettet.
    Der Marmeladendoktor dagegen propagiert nichts Gesundes.

  3. Schildmaid Says:

    Nun ja. So oft wie House sich sein Vicodin reinzieht hat das aber auch nichts Gesundes an sich.

  4. buchstaeblich Says:

    Das Vicodin zieht er aber nur sich selber rein und schadet maximal sich selbst – Dr. Oet.ker dagegen verschreibt seinen Kunden Karies, Knochenprobleme, Übergewicht und Diabetes-Potential, sowie der Zuckerindustrie einen Haufen Geld!

  5. Dr. Buchstaeblichs Worte zum Sonntag III « Buchstaeblich seltsam! Says:

    […] die habe ich geschrieben – woher wusstest Du […]

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