Batiklappen, Maria und das Valle Gran Rey


Noch immer hat nicht jeder von La Gomera gehört, dieser kleinen Insel bei Teneriffa.
Wer aber davon gehört hat, würde spontan die Stichwörter Valle-Gran-Rey, Hippies, Aussteiger und Maria in die Runde werfen. Recht so!
Die Herbergsmutter der Hygieneverweigerer


denn hier kommt jeder dran vorbei – liegt die Bar doch gleich vorne an der Straße, die am Meer entlang führt, von La Playa über La Puntílla bis nach Vueltas, wo der Yacht- und Kleinfährenhafen die Insel mit frischen Ladungen Fisch und Touristen versorgt.

Bis vor ein paar Jahren war die Straße ein Schotterweg, aber Maria war schon da, denn sie residiert hier seit rund 50 Jahren.
Sie hat ihre Bar im Erdgeschoss und ein paar Zimmer zu vermieten in den oberen Stockwerken.
Hinten, im Restaurant, habe ich seit Jahren nicht mehr gesessen, aber am 70er-Jahre-Jugendherbergscharme mit Neonlicht und Höllenlärm wird sich nichts geändert haben: Das Essen bei Maria ist Geschmackssache, meiner aber nicht. Vorne ist die eigentliche Bar, hier holt man sich sein Getränk und geht wieder hinaus, wo man sich an einen der diversen Tische oder auf die Bank neben dem Eingang setzen kann. Ich hole mir dort gelegentlich im vorbeigehen ein Wasser, aber dann gehe ich wieder, und zwar weg und weiter.

Egal, ob drin oder draußen: Wenn man mal raus muss, muss man mal raus. Am hinteren Ende der Außenseite des Hauses sind nämlich zwei Holztüren mit eigenwilligen Verschlüssen: Die Klos. Wer sie je der Notdurft halber betreten hat, wünscht sich, er hätte hier niemals eine Notdurft entwickelt. Abgesehen davon, dass hier täglich Hunderte geschäftlich tätig werden und diese leider nicht alle den Doppelnull-Knigge auswendig können, wäre eine Totalrenovierung und sehr sehr viel, sehr sehr scharfes Reinigungsmittel, nun ja, sagen wir: nicht unangebracht.

Kurz vor Sonnenuntergang aber nimmt man sein Getränk und geht damit über die Straße und steigt hinab zum Strand, bzw. setzt sich auf die Felsen dort.

Und ich meine das so: Das macht man hier so! Gehört es doch zu einem der wichtigsten Tourismus-Rituale des Valle Gran Rey überhaupt. Hierher kommen des Abends Menschen, die aus Agavenwurzelstöcken gefertigte Lärmdinger bei sich führen, auf die sie stundenlang heftigst einzudreschen pflegen. Von „Trommeln“, sei es als Substantiv, sei es als Verb, vermag ich hier nur bei besonders guter Laune zu sprechen, auch wenn der Rest der Welt es für gewöhnlich tut.

Um die Lärmdingerverhauer herum versammeln sich viele bis hundert Lärmgernhörer, die mittels Mit-dem-Hut-Herumgehern um ihr Kleingeld erleichtert werden. So unglaublich es klingt, die bezahlen dafür!

Einige machen aber auch Fotos und Filmaufnahmen, so dass bei Youtube und Konsorten zum Glück bewegte Bilder dokumentieren, dass ich mir hier nichts aus den Fingern sauge – die Stichwörter „Sonnenuntergang, Gomera“ können schon helfen, hier fündig zu werden.

Das Spektakel dauert, bis die Sonne untergegangen ist und manchmal noch länger.

Damit man mich hier nicht falsch versteht:
Ich finde, auch wenn ich dort im Urlaub nicht zu essen pflege, die Maria-Bar fantastisch. Deshalb bekommt sie auch volle fünf Sterne von mir!

Wenn ich könnte, legte ich noch Sterne hinterher für die Freunde des lauten Geräuschs, ich könnte denen stundenlang zuschauen. Tue ich ja auch oft genug, wenn ich im Urlaub bin.

Denn ich will ja nichts verpassen, z. B. Geschichten wie die folgende. Einige private Freunde von mir hier kennen sie schon, die können jetzt so lange spielen gehen, aber wer mag, liest weiter:

Wir haben uns mit La Gomera ja nicht umsonst ein besonderes Urlaubs-Eiland ausgesucht. Eins, wo es immer was zu gucken gibt. Sehenswürdigkeiten eben.

Aber wir mögen es schon ein wenig besonders.
Dass es dies mal allerdings SO besonders werden würde, hatten wir nicht erwartet.

Gut, wer dies Eiländchen kennt, der weiß, dass dort allgemein Leute hinfahren, die ein wenig „anders“ sind, oder sich zumindest dafür halten. Dass wir aber so viele „Andersartige“ zu sehen bekämen, das war denn doch überraschend.

Wir sind nicht „anders“, aber wir gucken denen gern beim Anderssein zu.
Eines späten Nachmittags schickte sich die Sonne wieder einmal an, unterzugehen, und Gatte und ich saßen auf einem Mäuerchen am Meer, wo man das örtliche Treiben bis längs über die kleine Bucht begucken konnte, Bierchen in der einen, Kippchen in der anderen Hand.

Da drüben saßen vor der legendären Bar von Maria, der Herbergsmutter der Hygiene-Verweigerer am Kieselstrand (der Sand war für winterliches Gewaschenwerden ins Meer geflüchtet) so an die 200 Andersartige in vornehmlich rote und gelbe merkwürdige Lappen gekleidet, klampften gitarrisch die Sonne an und trommelten sich singenderweise den Wolf. Lustigerweise waren die aber alle auf die gleiche Weise anders, weshalb das mit dem Anderssein dann doch recht relativ wurde. Man trug halt Individualisten-Uniform …

Und einer, der war noch anders: Der stand direkt vorn am Meer, und hampelte.
Erst habe ich ja gedacht, der muss mal Pippi, und dass man mit Blasenproblemen doch besser nicht so nah an das rauschende Wasser gehen sollte, damit da nix in die Hose geht, falls Sie wissen, was ich meine. Man macht sich ja Sorgen um seine Mitmenschen, nicht wahr?

Der Gatte beruhigte mich aber, der Kerl würde die Sonne antanzen. Ah, ja!

Dann zog der aber etwas aus der Tasche und hielt sich das vors Gesicht, wo es leuchtete und sich dank Blick durchs Teleobjektiv als ziemlich großer Kristall herausstellte. Ist der irre? Erst riskiert der, in die Buxe zu pullern und eine Blasenentzündung zu bekommen, dann will er sich mit Hilfe der Sonne die Netzhäute wegbrennen und in der kalten Heimat auf sehbehindert kaputtgeschrieben werden, oder wie?

Auf was die Leute alles kommen, wenn die Hartz IV-Kohle nicht mehr reicht.

Am nächsten Abend sind wir dann auch mal näher herangegangen an die Sonnenanbeter. Gut, nicht ganz so nah, die rochen etwas streng. Aber die Neugier trieb uns, und wir haben denen mal ganz unauffällig zugehört. Da war jedes zweite Wort „Meridian“, „Chi“ oder „Chakra“, und dass die Sätze wirklich Sinn ergeben hätte, kann man nicht wirklich behaupten.

Im Großen und Ganzen musste ich an Leonard Cohen denken:
„And she´s wearing rags and feathers from Salvation-Army-Counters …”
Wer dies Lied nicht kennt, dem ist aber vielleicht der Begriff “Raggedy Ann” geläufig.
Dort versammelten sich jedenfalls allabendlich lauter Anns und Andys, wir würden das vielleicht mit „Lumpenlotten“ benennen.

Interessant waren die Läden, in denen diese Andersartigen sich offensichtlich einkleideten und mit wichtigen Alltagsgegenständen wie Räucherstäbchen, Buddhafiguren und anderen Bollywood-Accesoires ausstatteten.

All diese esoterisch-makrobiotischen Vollwert-Vegetarier erzählen uns Normalsterblichen ja immer, wir würden bloß krank durch all die Dinge der zivilisierten Welt des Konsumterrors.
Hmmm, in ganz normalen Geschäften fühle ich mich eigentlich recht wohl, aber mein allergiegeplagtes Atemsystem drohte trotz Medikamenten regelmäßig zu kollabieren, wenn wir nur an den Türen dieser Esoterik-Boutiquen vorbeikamen.

Ich kam vor lauter Hustenreiz, Augentränen und Geniese also nicht einmal dazu, mir einen Heilkristall-Anhänger aus Halbedelstein-Abfall für 130 € zu kaufen, der all meine Probleme gelöst hätte.
Auch an die magischen Kräuter gegen alle Krankheiten der Welt für 45 € pro 10 Gramm kam ich so nicht heran. Und mich dort in einen Meditationskurs zur Bewältigung sämtlicher Probleme und Krankheiten durch „Organ-Visualisierung“ für nur 550 €/Wochenende einschreiben konnte ich leider auch nicht, ganz zu schweigen von der Einführung des Weltfriedens

Sag noch mal einer, Krankheiten würden zu nichts taugen! Ich habe mir nach dem Urlaub jedenfalls eine Allergie-Tablette in Kunstharz eingießen lassen, als Amulett gegen Erleuchtung, Friedenstrommler und meditationsfreudige Mitmenschen!

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3 Antworten to “Batiklappen, Maria und das Valle Gran Rey”

  1. FC Bollywood « Buchstaeblich seltsam! Says:

    […] der Eso-Schiene gekickt werden? Mann, wenn ich Bollywood-Accessoires sehen möchte, fahr ich nach La Gomera oder hole meine Urlaubsfotos aus dem […]

  2. Valle Gran Rey Says:

    Scheint auf jeden Fall interessant gewesen sein da 😉

    • buchstaeblich Says:

      Nun, ja:
      Am schönsten ist es dort, wenn man es als interaktive Nonstop-Comedyshow betrachtet – dann amüsiert man sich allerdings mehr als prächtig!
      Hinschauen, zuhören, mitschreiben und man bekommt bessere Pointen als wenn man versuchen würde, sich Unfug auszudenken: Ein Mekka für Komödianten!

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