Wenn Unkosten Nerven kosten


Was dem Spiegel der Sick, ist der „Welt“ der Krüger.
Denn wenn der Sick-Bastian Deutschland den Genitiv zurückbringen und Deppenapostrophe vorführen darf, dann möchte die „Welt“ nicht hinten anstehen, und ebenfalls den Deutschen Nachhilfe geben im


Gebrauch unsererer Sprache, wenn der Krüger auch leider kein bißchen lustig ist, nicht einmal so unfreiwillig wie der Sick mit seinen gestelzt konstruierten Geschichten um seine imaginäre Freundin.

Unser aller gute Freundin Google brachte mich vorhin in die „Welt“ des Sönke Krüger, wo er sich langatmig der Länge und Breite nach ausließ über die Unart, dem Wort „Kosten“ ein Un- voranzustellen.

Dass das falsch ist, war ja nun wirklich nichts für die Abteilung „Neuigkeiten aus aller Welt“, aber die Lektüre erinnerte mich an ein Ereignis aus einer Zeit, als ich noch dachte, graue Haare kriegten nur die Anderen:

Es war in der Schule, irgend etwas mit Wirtschaft, und dieser Lehrer mit dem Blutdruckproblem und dem gern mal roten Kopf blökte einen meiner Mitschüler an: „Erzähl‘ mir nichts von Unkosten! Es gibt keine Unkosten, nur Kosten, denn die Vorsilbe „Un“ verneint stets!“.

Nun, in dieser Sekunde habe ich mir die Jahreszensur so richtig versemmelt mit der Bemerkung: „Ach so, und wenn einer einen Unfall hat, dann heißt das, er ist gar nicht und auf keinen Fall gefallen?“

Selbiger Lehrer wurde fortan immer tieflila, wenn er mich sah, und gab ganz komische Grunzlaute von sich.

Das ist aber auch schwierig:

Gut, wenn ein Auto von hinten auf ein anderes Auto knallt, dann nennt man das auch „Unfall“. Und da ist dann wirklich keiner gefallen. Aber wenn einer vom Baum fällt, so kann das ja nicht jedes Mal „kein Unfall“, also Absicht gewesen sein. Denn sonst wäre es ja entweder ein Suizid-Versuch oder derjenige müsste gefallen worden sein.

So gesehen ist also ein Unfall ein Ereignis, das manchmal etwas mit Fallen zu tun hat, manchmal aber auch nicht. Sollte das dann der Korrektheit halber nicht lieber „Vielleicht-Fall“ heißen? Oder „Manchmal-Fall“?

Und da sage noch einer, bloß Kant wäre kompliziert. Für Hirnpudding braucht man paradoxerweise gar nicht Philosophie zu studieren – es reicht, einen cholerischen Wirtschaftskunde-Lehrer zu haben.

Ich dagegen habe eine gewisse Freude daran, die reine Vernunft zu kritisieren, obwohl ich relativ sicher bin, dass Kant das seiner Zeit irgendwie anders gemeint haben muss…

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4 Antworten to “Wenn Unkosten Nerven kosten”

  1. Silencer Says:

    Nun, in jedem Fall hast Du in der Schule was für´s Leben gelernt. Und ich was von Dir, das mit den Unkosten war mir neu. Jetzt weiß ich auch, warum unser Kontierer (ein sehr korrekter älterer Herr) mich immer so komisch anguckt.

  2. buchstaeblich Says:

    Mein cholerischer Ex-Lehrer wäre sicher sehr stolz, das zu wissen. Weniger froh darüber, dass ich ihn bis heute durch den Wolf drehen könnte für einige hier nicht erwähnte Anekdötchen.
    Aber Du kannst demnächst den Kontierer zum Strahlen bringen, wenn Du von „Kosten“ sprichst – insoweit: Gern geschehen!

  3. theleprompt Says:

    Ja, Sprache… Da gibt es nie 100%-Regeln wie »Un- bedeutet >nicht<«. Unfall, um hier mal den Besserwisser raushängen zu lassen, gehört in eine Reihe mit Ungemach, Unbill, Unfug oder Unflat. Der zweite Bestandteil des Wortes ist in seiner Bedeutung verblasst und/oder ungebräuchlich geworden. Unfall, um mal Kluges etymologisches Wörterbuch zu zitieren, ist die Negation zu »geval, gevelle«, i.e. mittelniederdeutsch »Glück« (vgl. »mir fällt etwas zu«) und hieß damit ursprünglich schlicht »Unglück«.

    Historische Formen als »wahre« Bedeutung eines Wortes heranzuziehen ist aber gleichermaßen beleibt wie unsinnig und unbotmäßig. Sprache bedeutet eben heute und im heutigen Gebrauch und nicht »eigentlich« etwas Früheres. Da schließt sich die Lücke zur Philosophie, wenn Wittgenstein sagt: »Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch«.

    Ach ja, meine Lieblingsquelle für kalauerisch passende Wortformen ist das Projekt Deutscher Wotschatz unter http://www.wortschatz-uni-leipzig.de. Da nach »Un*« gesucht, fördert auch mein Un-Lieblingswort zutage: UN-Erdmännchenrechtsausschuss

  4. buchstaeblich Says:

    Theleprompt, erst einmal danke für die wissenschaftliche Erklärung!
    Du hast natürlich in der Sache recht (interessante Wörter und ihre Herkunft anzugucken, gehört sicherlich zu meinen Hobbies), aber im Zusammenhang mit dem Erlebnis aus der Jugendzeit – manchmal muss man auch auf die ganz alten Tage ein Trauma abarbeiten – hat mir das blödsinnige Spielen mit dem „Unfall“ einfach Spaß gemacht.

    Erdmännchen liebe ich ja sowieso, UN-Erdmännchen werde ich mir unbedingt anschauen – ich bin immer wieder gern auf Wortschatzsuche in Leipzig, aber nach *Un* hatte ich noch nie gesucht: Toll!

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