Vernabelt


Himmelherrschaftszeiten, ich bin über 40.

Das bin ich gewohnt, das macht auch nichts.

Aber ich bin vernabelt.

Offfensichtlich schon lange, nur gemerkt habe ich es nicht. All die Jahre, in denen ich gedacht hatte, ich hätte mich erfolgreich abgenabelt, stellen sich als Illusion heraus – denn ich bin vernabelt.

Lange war ich also ahnungslos, dann traf mich die Erkenntnis.

Heute.

Nichts Böses ahnend, in meinem Lieblings- und Arbeitssessel gesessen und meine Arbeit gemacht – naja, nicht ausschließlich, aber immerhin, egal wurscht.

Doch dann:

Boah, warum lädt die Seite nicht? Wieso dauert das so lange?

Wildes Getippe auf Tasten – nix!

Andere Seite versucht – nix!

Verdammt, der hat kein Netz. Kein Netz?

Brause aus, Brause an, Schoßrechner aus, Schoßrechner an, Kabel prüfen – beide Enden, du Trottel: Aber nix.

Kabel in der Kabeldose? Sitzt auch, Kabelmodem blinkt in aller Emsigkeit.

Erst einmal auf den Balkon, frischer Schluck Kaffee aus der Thermoskanne, Kippe an, Kippe aus, Nachdenken: Habe ich irgendetwas vergessen, irgendetwas nicht geprüft?

Also zurück, alles noch einmal prüfen, und das Canossa-Ding, also Gatten anrufen.

Hä? Komische Geräusche im Hörer, aber keine Verbindung. Was ’n das? Auflegen, nochmal.

Der gleiche Scheiß. Gut, dass es Mobiltelefone gibt!

„Stör‘ ich?“ – „Nee, was ’n?“

Bla bla.

Drei Rückrufe auf meinem Mobiltelefon – und immer der Gedanke: „Lass‘ das bloß nirgendwo liegen, wenn er zurückruft, willst du das hören!“. Beim dritten Rückruf natürlich im Schlafzimmer gestanden, ein Bein in der Buxe, eins nicht, weil grade gemerkt, dass es doch kühl ist, und Jeans wären dann doch besser, und wieso wird man beim Buxe anziehen so nervös, wenn Telefone klingeln? Ein Bein drin, ein Bein draußen ins andere Zimmer gestürzt, nur fast auf dem Bauch gelandet, keuchend „Ja?!“.

Nee, ne?

Der Telefon- und Kabelversorger hat Mist gemacht, da läuft was nicht, und ganz, ganz viele Leute können nicht surfen und telefonieren. Ob die sich auch alle vernabelt fühlen? Reicht das für die Gründung einer Selbsthilfegruppe?

Aber vor allem:

Wieso hält man sich selbst erst einmal für den DAU, den Dümmsten Anzunehmenden User?

Ist das die psychologische Wirkung, die die Rechnerspezis in den Medien mit ihren Witzeleien über Leute, die zu doof sind, ihren Rechner einzustöpseln, erreicht haben?

Früher dachte man doch auch nicht als erstes daran, ein Idiot zu sein, wenn mal etwas nicht funktionierte?

Es liegt übrigens nicht daran, dass ich eine unselbständige Frau bin, wenn ich meinen Mann anrufe, weil das Internet nicht läuft:

Der arbeitet bloß zufällig bei der Firma, die uns die Internet- und Telefonleitung vermietet, so dass ich mich nicht durch irgendwelche Dienstleistungsvertröstungsnummern hindurchlabern muss, wenn etwas nicht stimmt, sondern sofort die notwendigen Schritte eingeleitet werden können.

Wenn Sie da draußen, also Sie, heute einen Ausfall an Internet- und Telefonversorgung hatten:

Seien Sie froh, dass ich nur eine Viertelstunde zögerte, meinen Gatten zu informieren, sonst hätte es möglicherweise noch viel länger gedauert, bis der Anschluss an die Welt wieder da ist.

Denn eines ist klar:

Das Internet kommt zu uns durch ein Kabel und versorgt uns mit meist überflüssigen Informationen, verbindet uns oft genug mit unserem Arbeitgeber, und wir hängen dran. Wenn es uns versorgt.

Aber wenn es einmal nicht funktioniert, obwohl wir es gerade jetzt bräuchten, dann rennen wir umher wie aufgescheuchte Hühner und fühlen uns wie Junkies auf Entzug.

Und auch wenn ich diese Erkenntnis verfluche, bin ich froh, dass die Unterbrechung heute nach kaum zwei Stunden wieder vorbei war.

Dafür und weil er noch andere nicht öffentlich zu erwähnende Qualitäten hat, habe ich dann doch gerne meinen Mann angerufen.

Wir Weltnabelschnurabhängigen müssen doch zusammenhalten, oder?

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5 Antworten to “Vernabelt”

  1. Silencer Says:

    Jaja, die fiese Technik – sehr schön beschrieben!
    Danke für die Aunahme in Deine Blogroll! Wie komme ich so schnell zu der Ehre?

  2. buchstaeblich Says:

    Das ist sehr einfach zu beantworten: Dein Stil überzeugt – da will man nichts mehr verpassen.

  3. Silencer Says:

    Danke.
    Ich hoffe, ich werde diesen Ansprüchen auch gerecht…

  4. serviervorschlag Says:

    Ist da eine Verschwörung im Gange? Ich bin auch über 40 und ich hatte heute für kurze Zeit auch kein Netz! Haben die das nur mit den über 40-jährigen gemacht, um denen mal zu zeigen, dass früher zwar alles aus Holz, aber eben doch nicht immer besser war? Und dass man sich vor so einer Weltnabelschnurabhängigkeit selbst mit allen erdenklichen Schutzvorkehrungen nicht schützen kann?
    Während ich also an allen erdenklichen Kabeln herumrüttelteschoss mir durch den Kopf, dass ich ja nun gar keine EMAIL an meinen Netzbetreiber schicken kann und ich vielleicht gezwungen sein würde, eine kostenpflichtige Hotline für 100 Euro pro Sekunde anzurufen! (Weil ich ja keinen Mann habe, der zufällig bei meinem Netzbetreiber arbeitet).
    Ich habe es vorgezogen, erstmal das zu tun, was ein Kundendienst gemacht hätte: Ein bisschen an den Kabeln ziehen, ein- und ausstöpseln, Rechner-Neustart. Ging! – Und das Ganze auf Kulanz, hab mir keine Rechnung gestellt. Dank meiner Weltnabelschnurabhängigkeit und des Netzausfalls habe ich heute also mindestens 120 Euro gespart.

  5. buchstaeblich Says:

    Serviervorschlag,

    den Konzern gibt es zwar nicht öffentlich zu, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Plan dahinter steckt.

    Aber wenn dir dein beherztes Handeln 120 € einebracht hat, dann ist es doch eine sehr lukrative Angelegenheit: Ein paar Mal am Tag gerüttelt, und ruckzuck wirst Du reich sein!

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